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Bindet mehr Blei an die Füße unserer Eliteökonomen

Es ist schon traurig, wie sich führende Ökonomen Deutschlands in der Langeweile des Wahlkampfs verlieren. „Wahlhilfe“ nannte es die FAS, was Lars Feld, Clemens Fuest, Justus Haucap, Volker Wieland und Berthold Wigger (alle Mitglieder des liberalen Kronberger Kreises) in dem Blatt veröffentlicht haben. Offenbar blasen wir nicht nur unsere angesparte Altersvorsorge bei jeder neuen Finanzkrise in den Wind. Oder wie kommen die Volkswirte nur auf diese eigenartige Kernthese?:

„Die deutsche Wirtschaft und der deutsche Arbeitsmarkt stehen ziemlich gut da, so dass die Armutsrisiken gesunken sind.“

Zum Armutsrisiko sei hier nur auf den Kommentar (hier im Blog) von Torge Middendorf, Chefvolkswirt bei den Sozialkassen des Baugewerbes, verwiesen. Er schreibt:

„…Schaut man sich die aus dem Mikrozensus abgeleitete Armutsrisikoquote an (der mit Abstand größten Stichprobe), ist die Armutsrisikoquote in den vergangenen Jahren stärker gestiegen. Drittens: Interessant ist ein internationaler Vergleich von Armutsrisikoquoten bzw. Gini-Koeffizienten. Dabei kommt heraus, dass der Gini-Koeffizient in Deutschland im internationalen Vergleich besonders stark gestiegen ist und Deutschland jetzt z.B. unter den EU-Mitgliedsländern nur noch exakt im Mittelfeld rangiert was die Einkommensungleichheit NACH Steuern angeht (die maßgebliche Größe).“

Einigen ist Middendorf vielleicht noch aus der volkswirtschaftlichen Abteilung der verflossenen WestLB bekannt. (Wir bei der FTD und auch andere Kollegen mochten die Ökonomen um ihren Chef Holger Fahrinkrug sehr für ihre oft treffenden und vor allen pragmatischen Analysen. Fahrinkrug arbeitet jetzt übrigens als Chefvolkswirt bei Meriten. Schade, dass die Herrschaften derzeit so selten in der deutschen Presse zitiert werden.)

Die statistisch gemessene Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen scheint mir jedenfalls derzeit nicht besonders aussagekräftig, so wie es die Ökonomen in der FAS-„Wahlhilfe“ behaupten. Und das sich seit Mitte der 90er Jahre die Einkommen immer ungleicher verteilt haben, daran kommen selbst unsere führenden Volkswirte oder Chefredakteure nicht herum.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wir haben 600 Mrd. Euro verbrannt

Sorry, wenn es langsam nervt, wenn ich diese wichtige Tatsache so oft wiederhole: Aber wir haben 600 Mrd. Euro in der Finanzkrise verbrannt – nehmen wir den langen Zeitraum von 1999 bis Ende 2012 sind es immer noch 400 Mrd. Euro. Da diese Vermögensverluste in keinem Gini-Koeffizienten dieser Welt auftauchen, sollten bei uns allen die Alarmglocken läuten – für den Fall, dass seriöse Ökonomen nach der Wahl immer noch ihre ideologischen Keulen schwingen und uns alle damit nerven sollten.

Einige von uns werden sich auch über die noch immer recht niedrige Arbeitslosenquote in Deutschland freuen, mit der unsere Regierung zur Wahl am Sonntag schreiten will. Doch wie lange wird das schöne Sommerwetter noch anhalten. Auch jeder Drogendealer hat einmal ein volles Portemonnaie und kann auf dicke Hose machen. Aber kann eine Wirtschaft überhaupt gut dastehen, in der Unternehmen und der Staat wahrscheinlich so wenig investieren, wie noch nie seit dem 2. Weltkrieg – und das machen wir jetzt fast überall in Europa so:

Bildschirmfoto 2013-09-21 um 11.23.11Wie erfrischend (und leider auch traurig) ist es dann aber auch wieder, was wir da aus anderen – vermutlich auch eher arbeitgeberfreundlichen Ecken – der deutschen Ökonomenzunft zu lesen bekommen. Da ist zum Beispiel Elga Bartsch, Europachefvolkswirtin bei Morgan Stanley in London. Sie schreibt:

„Yet, with the public capital stock (notably infrastructure) down to just 0.5% of GDP, compared to 20% in 1999, there is a lot of catching up to do. Key areas for investment are the energy sector, transport infrastructure and education.“

Auch die Bankökonomin, die aus der liberalen Schule des Kieler Instituts der Weltwirtschaft kommt, analysiert treffend die Fehlentwicklungen in Deutschland.

Bildschirmfoto 2013-09-21 um 11.23.23Die „Wahlhilfe“ des Kronberger Kreise macht eines sehr deutlich: Die Konfliktlinien der Debatte über die Zukunft der deutschen Wirtschaft verlaufen schon lange nicht mehr zwischen links und rechts, nicht mehr zwischen Ökonomen, die eher die Angebotsseite betonen, und Ökonomen, die eher die Nachfrageseite betonen. Die Trennlinie verläuft zwischen denen, die über den Tellerrand ihre Weltanschauung drüber hinwegschauen können und denen, die lieber weiter ihr eigenes Süppchen auslöffeln wollen.

Unternehmen haben Steuer- und Lohngeschenke verfrühstückt

Der Gipfel der ideologischen Blindheit liefert dabei noch das ZEW in Mannheim. „Das ZEW argumentiert, die Vermögensteuer schade dem »Standort Deutschland«, weil die Unternehmen weniger Geld zum Investieren übrig hätten“, wie Mark Schieritz in der aktuellen „Zeit“ schreibt. Wie putzig ist das denn, wir müssen uns ja nur einmal die Investitionen in Deutschland anschauen über all die Jahre hinweg, als Unternehmen fortlaufend entlastet wurden.

Selbst Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft ist sich mit Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung einig, „dass Deutschland eine gute und moderne Infrastruktur braucht, um wettbewerbsfähig zu sein. Bei Verkehrswegen, Energie, Forschung und Bildung müsste mehr getan werden.“ Wie langweilig sind dagegen die alten Kampfdebatten der 1970er Jahre, in denen dieser Chefredakteur hängen geblieben ist und die Eliteökonomen abgeglitten sind.

Wie halten wir nur unsere Ersparnisse im Land?

Natürlich ist es gar nicht ausgemacht, dass die Steuerpläne von Rot-Rot-Grün tatsächlich die bessere Lösung für Deutschland wären. Gleichwohl geht es darum, dass endlich wieder mehr investiert wird – von öffentlicher und privater Hand. Wer Steuererhöhungen aber ablehnt, kann natürlich bessere Vorschläge machen, wie wir am besten all die Milliarden an privaten Ersparnissen in sinnvolle Dinge leiten können.

Die erwähnten Wahlprogramme der eher linken Parteien sind zwar genauso wenig kreativ wie unsere Eliteökonomen. Wenn uns allen aber nichts Besseres einfällt, sind Steuererhöhungen eigentlich nur noch das Naheliegenste. Platz für mehr Kreativität könnte zwar das nächste Gutachten des Sachverständigenrates bieten – Platz findet sich da ja immer mehr als genug.

Dazu braucht es aber erst einmal der richtigen Diagnose, die scheint bei Rot-Rot-Grün wenigstens vorhanden zu sein. Auf die richtige Diagnose kommen unsere führenden Ökonomen in der FAS schon einmal gar nicht. Blöd nur, dass zwei von ihnen auch noch im Sachverständigenrat sitzen – also brauchen wir in der nächsten Ausgabe des SVR-Gutachtens wohl nicht danach zu suchen. Sie schreiben in der FAS:

„Dass Europa besser dastünde, wenn dem schnelleren Läufer beim Staffellauf Blei an die Füße gebunden wird, darf bezweifelt werden.“

Nein, das sollte eben nicht bezweifelt werden. Gemeint sind hier unsere Exportüberschüsse. Aber „Blei an Füßen“ heißt nichts anderes, als dass Konzerne, Unternehmer, die kleinen und großen Sparer, die Vermögenden in diesem Land, ihr überschüssiges Geld in die Zukunft dieses Landes investieren (oder dazu nutzen, höhere Löhne zu zahlen) und nicht in jeder Finanzkrise aufs neue verbrennen lassen. Ohne „Blei an den Füßen“ lösen wir auch keine Demografieprobleme in diesem Land, so es sie denn überhaupt gibt. Dieses Land bleibt einfach nur stehen – mehr „Wohlstand für alle“ ist damit nie und nimmer in Sicht.

Und warum denken wir dabei allein an Deutschland, warum denken wir nicht auch an Europa. Wenn das Ersparte im Norden auf intelligente und kreative Weise im Süden angelegt wird, braucht Spanien vielleicht nur fünf statt zehn Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen. Und was langfristig investiert wurde, kann auch nicht so schnell abgezogen werden – es wäre auch ein Weg, wie wir sogar die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass die EZB jemals ihr OMT-Programm aktivieren müsste. Auch dieser Gedanke kommt den Eliteökonomen natürlich überhaupt nicht in den Sinn, sondern wieder einmal nur Allgemeinplätze wie diese hier:

„Eine Reduzierung der Finanzierungskosten einzelner Staaten gehört nicht zu den Aufgaben der Geldpolitik.“

So etwas kommt dabei heraus, wenn man sich nie mit den konkreten Folgen und Ursachen von Entwicklungen beschäftigt. Dass „eine Reduzierung der Finanzierungskosten“ sehr wohl zu den Aufgaben einer Notenbank gehören kann und sollte, das haben wir im ersten, zweiten und dritten Teilen der OMT-Serie hier im Blog bereits beschreiben. Im vierten Teil der Serie wird es darum gehen, wie wir mit den verallgemeinerten Halbwahrheiten unserer Eliteökonomen und der Bundesbank am Ende doch nie die Krise lösen werden.

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  • MR

    Hallo André,

    1. toller und treffender Beitrag.

    2. Kannst du vielleicht noch einmal in einem Beitrag oder Grafik die Verschuldung der Haushalte/Staat seit der Gründung der BRD aufzeigen. Du hattest mal eine Grafik dazu, die leider die Daten von vor 1970 nicht enthielt, da die Daten (ich glaube von der BIZ) die Verschuldung nur zusammen von Haushalten/Staat auflistete.

    3. Präferierst du, auf Grundlage der Wahlprogramme, eigentlich eine bestimmte Koalition?

  • Christian Sander

    Danke Herr Kühnlenz. Wieder einmal voll ins Schwarze getroffen. Ich wünschte nur, unsere tollen Spitzenökonomen, denen die derzeitige Regierung hörig ist, würden endlich einmal die Realitäten akzeptieren und ihre Borniertheit ablegen.

  • Jörg

    Klare Ansagen, Herr Kühnlenz, vielen Dank dafür.
    Es scheint tatsächlich so zu sein, dass manche Ökonomen immer noch lieber in ihrem Elfenbeinturm verweilen als sich den Realitäten zu stellen…

  • André Kühnlenz

    Vielen, vielen Dank… :) @MR ich hatte mal die Grafik der privaten Gesamtverschuldung – aber ohne Staat – meinst Du die?:

    http://www.weitwinkelsubjektiv.com/2013/04/27/flacher-merkel-ball/

    130427 GE TC VOL

    Da gibt es die Unterteilung zwischen Unternehmen und Privathaushalten leider erst ab 1971…

  • Massenbach-Letter: NEWS 03/01/14 | Massenbach-Letter

    […] dass kein Exporteur irgendwelche Einbußen erleiden müsste – nur falls hier noch jemand von Fieberträumen voller Blei an den Füßen gepeinigt morgens aufwacht. Aber natürlich fürchten unsere Standortstrategen, dass auch die Löhne in den […]

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