Euro-Bonds gegen Enteignung der Sparer

Immerhin regen sich jetzt viele Menschen in Deutschland darüber auf, dass die Sparzinsen so niedrig sind und die „kapitalgedeckte“ Altersvorsorge so wenig einbringt. Schon einmal darüber nachgedacht, was die Lösung wäre? Richtig: Euro-Bonds! Dann müsste zwar die Bundesregierung (also wir Steuerzahler) etwas höhere Zinsen zahlen  – was aber vielleicht gar nicht so schlimm wäre.

Denn die höheren Zinsen* landen am Ende doch wieder bei unserer Versicherung oder dem Anleihefonds, dem wir unser Erspartes anvertrauen. Plus der Agentur für Arbeit und den anderen Sozialkassen, die ihre momentanen Überschüsse nicht mehr in Bundesanleihen sondern in Euro-Bonds anlegen würden. Naja, und auch bei den Banken, aber die verdienen eh immer mit.

Was, das wäre Umverteilung, sagen Sie? Umverteilung von denjenigen unter uns, die nichts sparen, hin zu denjenigen unter uns, die sehr viel sparen? Stimmt. Aber das war doch schon immer die Idee der „kapitalgedeckten“ Altersvorsorge. Nur, dass diese Umverteilung gerade nicht so richtig funktioniert und einflussreiche Herausgeber ganz laut darüber rumheulen, wie die Sparer enteignet werden.

*Vorausgesetzt, die Japaner, die Chinesen (mit ihren 600 Mrd. Euro-Reserven) sowie die Ölscheichs und die Ölrussen lassen uns noch was übrig von den Euro-Bonds.

Das Rezept eines Drogendealers

Alles gut und schön. Die deutschen Firmen sind also seit 1996 von Jahr zu Jahr wettbewerbsfähiger geworden. Sie haben ihre Arbeitskosten gesenkt und dadurch mehr und mehr auf der ganzen Welt verkauft. Deutsche Exporteure setzen mittlerweile ihre Waren und Dienstleistungen auf der Welt (und in Europa) im Schnitt um ein Drittel günstiger ab als noch Mitte der 1990er Jahre. Und die reale Abwertung will gar nicht mehr aufhören.

Vergleichen wir das Jahr 2012 mit 2001, als Deutschland praktisch eine ausgeglichene Leistungsbilanz auswies. Man könnte auch sagen, das Land befand sich im außenwirtschaftlichen Gleichgewicht. Aufwertung und Leistungsbilanzdefizite nach der deutschen Einheit waren längst vergessen. Nach Berechnungen der EU-Kommission war Deutschland vergangenes Jahr gegenüber 36 wichtigen Volkswirtschaften (inklusive EU und China) rund 5 Prozent unterbewertet – siehe grüne Linie in der folgenden Grafik. In Europa waren es sogar noch 10 Prozent (blaue Linie).

130514 DE LOHNVERZICHT

So große Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Rest der Welt dürfte die deutsche Wirtschaft noch nie gehabt haben – gemessen an den durchschnittlichen Wechselkursen an den Devisenmärkten und den vergleichsweise gesunkenen Lohnstückkosten. Wer sich hierzulande vor globalen Abwertungswettläufen oder Währungskriegen fürchtet, sollte  vielleicht einmal zuhause nachfragen. Wir freuen uns stattdessen lieber darüber, dass wir in Sonntagszeitungen von Vollbeschäftigung zu Dumpinglöhnen träumen dürfen.

Noch besser wird es, wenn uns Berliner Politiker oder Jens Weidmann warnen, bloß nicht unsere Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Sie helfe uns ja auch so „gut“ dabei, durch diese Krise zu kommen. Kein Wort hören wir, dass die Arbeitnehmer in Deutschland in den vergangenen 17 Jahren auf mehr als 20 Prozent Lohnerhöhung verzichtet haben (das ist der orangene Berg in der Grafik oben, den man auch hier in der Grafik sehen kann). Kein Wort auch darüber, dass die Vermögen in Deutschland vielleicht auch deswegen so ungleich verteilt sind wie sonst nirgendwo im Euroland.

Nicht zu vergessen, kein Wort darüber, dass die Vermögenden und die Arbeitgeber in Deutschland lieber die Welt mit billigem Geld zuschütten. Die (reicheren) Deutschen also “viel zu viel sparen und das Geld viel zu schlecht anlegen”. Sie haben nichts Besseres zu tun, als ihren  Kostenvorteil zu verfrühstücken. Investitionen daheim in ihre und unser aller Zukunft sind Fehlanzeige: 1995 waren es noch 22 Prozent des BIP, vergangenes Jahr nur noch 18 Prozent. Scherzkekse nennen so etwas Angebotspolitik.

Und so freut sich Deutschland über seine gewonnene Wettbewerbsfähigkeit. Stolz wie ein kleinkarierter Drogendealer, der es nach 17 Jahren endlich geschafft hat, 6 Kilo Koks am Bahnhof zu verkaufen nachdem er sich selber vor Jahren noch Kleinstmengen dort besorgen musste. Und dem skrupellosen Rauschmittelverkäufer geht es selbst in der Krise immer noch besser als seinen Opfern.

Das Fatale daran ist, dass jetzt alle so werden sollen wie wir. Das heißt, der grüne Wechselkurs in der Grafik soll für jedes Land so schön weg brechen wie in Deutschland. Na gut, vielleicht nicht ganz so stark, Deutschland muss ja immer noch Erster bleiben. Wie auch immer, dafür müssen die Wechselkurse im Rest der Welt aber logischerweise steigen, der Rest der Welt müsste aufwerten und weniger von seinen dann überteuerten Gütern und Dienstleistungen verkaufen.

Aber was meint man wohl in Berlin und Frankfurt? Etwa, dass die ganze Welt (wie Euroland nach der Euro-Einführung) sich kampflos ergeben und angefixt wird, wenn es heißt: „Hurra, hurra, die Deutschen Europäer sind wieder da!“ Irgendwann werden sie es schon merken, dass der Rest der Welt noch so etwas wie eigene Wechselkurse hat und die wird er garantiert nicht wie die Schweizer an den Euro binden.

Spätestens dann, wenn die Barrikaden brennen, doch dann ist schon zu spät!

1996 – das Jahr, als Europa das erste Mal starb

Viele wundern sich, woher nur das viele Geld kommt, mit dem wir Deutschen die ganze Welt überschwemmen. Natürlich nicht als Geschenk, sondern als Kredit oder als Investition in mehr oder weniger obskure Finanzprodukte. Gewaltige Verlustrisiken natürlich immer mit inbegriffen – gestern Europa und die USA und heute sind wieder einmal die Asiaten dran. Es soll auch noch einige geben, die sich ernsthaft wundern, woher nur diese Blasen an den Finanzmärkten kommen, von denen immer alle reden – ob sie nun New Economy, Subprime in Amerika oder Immobilienboom in Spanien heißen.

Da gibt es zum Beispiel Leute mit komischen Vorstellungen über die Rolle der Notenbanken in dieser Krise. Und dann gibt es Leute wie EZB-Chef Mario Draghi, der es irgendwie lustig fand, auf dem Euro-Gipfel im März die Staats- und Regierungschefs ein bisschen zu verarschenwirren.

Signore Draghi jongliert mit Äpfeln und Birnen

Naja zugegeben, Draghi gelang es, uns nur ein wenig zu verwirren. Denn glücklicherweise gibt es Volkswirte wie Andrew Watt vom Düsseldorfer Forschungsinstitut IMK, die das sofort durchschauen. Das IMK nennt man geläufig auch gewerkschaftsnah, was uns aber völlig egal sein kann – solange es um die Wahrheit geht. Aber keine Sorge, es geht hier nur um den Unterschied zwischen Äpfeln und Birnen.

Äpfel, das sind für Draghi inflationsbereinigte Produktivitätsdaten, und mit Birnen jongliert er, wenn er die unbereinigte Lohnentwicklung einfach so dazu reiht. Kann man alles schön auch im ehrwürdigen Tagesspiegel bei Harald Schumann nachlesen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den alten Nachkriegskonsens, den man uns Ossis nach der Vereinigung noch als „soziale Marktwirtschaft“ verkaufen wollte?

Der Nachkriegskonsens der Bundesrepublik…

Dieser Konsens ging ungefähr so: Produziert ein VW-Arbeiter – nach dem Kauf neuer Maschinen – statt 5 Autos an einem Tag 10 Autos, kann VW mit einem Schlag mehr davon verkaufen. VW verdient also mehr, weil die Produktivität der Arbeiter gestiegen ist. Die Einnahmen wachsen aber auch dann, wenn die Preise steigen.

Beides erhöht den Kuchen, den Arbeitnehmer und Arbeitgeber untereinander aufteilen können. Steigen Löhne und Gehälter in einer Volkswirtschaft genauso stark wie Arbeitsproduktivität und Preise (also die Inflation), dann wird der Kuchen genau so aufgeteilt, dass alle gleichmäßig etwas vom wachsenden Wohlstand abbekommen.

… ist seit 1996 Geschichte

Vielleicht hat Draghi genau wie wir Ossis längst vergessen, was dieser Nachkriegskonsens einmal war. Wer es nicht glaubt, dass es so etwas tatsächlich gegeben hat, der sollte sich folgende Grafik anschauen:

130514 DE PROD

Bereits seit 1996 ist Schluss mit lustig in Deutschland: Die (nominale) Lohnentwicklung blieb drastisch hinter dem Zuwachs von Produktivität plus moderater Inflation (1,5 Prozent im Durchschnitt) zurück. Regelmäßig wurde der Kuchen also zugunsten der Arbeitgeber aufgeteilt und das summiert sich über die Jahre.

Was erlauben Frankreich?

Ökonom Watt hat die Grafiken gebastelt, die Draghi hätte auf dem März-Gipfel vorlegen müssen. Sie zeigen dummerweise auch, dass die Franzosen noch bis zuletzt an so etwas wie die soziale Marktwirtschaft geglaubt haben. Ach, immer diese naiven Gallier. Dafür bekommen sie jetzt ganz schön einen auf die Mütze – besonders aus Frankfurt.

Nicht erst mit der Agenda 2010 sinken die Arbeitskosten der deutschen Unternehmen sondern bereits seit 1996. Nur haben wir davon zunächst nicht so viel gemerkt. Warum? Weil die Privathaushalte sich kurz vor dem nahenden Millennium noch einmal richtig schön verschuldet und fleißig weiter konsumiert haben. Nur die folgende Katerstimmung daheim dauerte dafür dann umso länger.

Die Quelle der Geldflut

Zugleich verdienten die deutschen Firmen weltweit aber mehr und mehr, auch weil vielerorts gerade in Europa die Löhne noch stärker stiegen. Was am Ende bei hiesigen Arbeitsgebern und Vermögenden hängen blieb, also dieses „Ersparte“, floss in so schöne Dinge wie den Neuen Markt, und später dann in obskure US-Immobilienkredite oder an die bis dahin noch recht soliden Banken Spaniens oder Irlands. Blöd nur, dass für diese jüngsten Spekulationsverluste wir alle aufkommen müssen.

Dass aber die deutschen Lohnstückkosten Anfang dieses Jahrtausends infolge der deutschen Einheit und wegen der Globalisierung noch zu hoch gewesen sein sollen, das dürfte sich am Ende als die dreisteste Talkshow-Lüge herausstellen, die es jemals in diesem Land gegeben hat, wie wir demnächst hier an dieser Stelle noch sehen werden. Und sicher gab es seit 1970 häufig Lohnübertreibungen aus Sicht der Unternehmen – keine Frage. Aber das ist seit 1996 vorbei. Seitdem gibt es nur noch krasse Lohnuntertreibungen.

Die Kapitulation der Gewerkschaften

Leider gab es Mitte der 90er Jahre in Deutschland bereits ein Niedriglohnland im Osten, was die Macht der Gewerkschaften für immer gebrochen hat. Mit der Agenda 2010, mit der die SPD die Niedriglöhner auch im Westen einführte, haben die Gewerkschaften dann nur noch ihre Kapitulationsurkunde unterschrieben. (Dass sie damals keine Mindestlöhne wollten, darüber ärgern sie sich zu Recht noch heute…)

Nun haben wir den Salat. Jetzt wo wir alle die Gewerkschaften dringend bräuchten, strecken die Arbeitskämpfer nur noch müde ihre Fäuste empor. Jetzt, wo die FAZ bereits von Vollbeschäftigung träumt!

Selbst die Jungs aus der Finanzindustrie haben es begriffen

Dass die IG Metall mit nur 5,5 Prozent in den laufenden Tarifverhandlungen geht, das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis für Deutschland. Mindestens 10 Prozent sollten es sein, um am Ende auch bei den 5 Prozent zu landen, die der Sachverständige der Bundesregierung Peter Bofinger für angemessen hält. Nicht einmal mehr auf „ihre“ Ökonomen hören die Gewerkschaften noch!

Denn Bofinger gilt auch als gewerkschaftsnah, was uns aber völlig egal sein kann – solange es darum geht, diesen Kapitalismus noch irgendwie zu retten. Genau um das geht es nämlich, um nichts mehr und um nichts weniger. Viele in der Finanzindustrie haben das längst begriffen, so wie der jahrelange Gewerkschaftshasser, einstige New Economy-Prophet und Spekulant Henry Blodget.

Eine tickende Zeitbombe in zwei Charts: Faule Kredite in Europa

Diese beiden Grafiken unten aus dem Wochenbericht von J.P.Morgans “Flows and Liquidity”-Team erzählen bereits die ganze Geschichte. Eine Geschichte darüber, wie zu harsche Austerität (und damit steigende Arbeitslosigkeit) die Bank- und Kreditprobleme an den Rändern Eurolands verschärft haben. Reicht es noch aus, ein Verbriefungsprogramm nach deutschem Vorbild aufzulegen (wie es David Milleker drüben im WirtschaftsWunder schön beschrieben und Mario Draghi auf der vorigen EZB-Pressekonferenz angedeutet hat)? Für die J.P.Morgan-Leute nur ein erster Schritt: “(T)he problem of (non-performing loans) may require more targeted solutions. This leaves the onus on sovereigns, or the ESM or other supranational bodies to deal with the more important problem of cleaning up bank balance sheets from non-performing loans and bad debts.”

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Mehr dazu bei FT Alphaville und hier die J.P.Morgan-Analysten im Video.

Bundesbank zaubert Schulden weg

Um eins vorwegzunehmen, diese Geschichte handelt nicht von einem Skandal oder ähnlichem. Dennoch ist es spektakulär, was in den Bundesbankzahlen zur Verschuldung des Privatsektors in Deutschland vor wenigen Tagen passiert ist und bisher – soweit ich weiß  - noch nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Nach einer großen Datenrevision sind die Schulden von Unternehmen und Haushalten in Deutschland deutlich geringer als bisher gedacht. Die Furcht vor zu niedrigen Zinsen in Deutschland ist damit noch weniger gerechtfertigt als sie es bisher schon war. Im Gegenteil: Die Minizinsen stützen auch in Deutschland die Konjunktur, meint zumindest Bundesbankchef Jens Weidmann.

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Wies die Bundesbank für das dritte Quartal noch eine Gesamtkreditvergabe* an die (nichtfinanziellen) Unternehmen von 1650 Mrd. Euro aus, standen vor wenigen Tagen plötzlich nur noch 1532 Mrd. Euro  in ihren Tabellen. Wie gewaltig diese Statistikrevision ist, zeigt sich darin, dass die Verschuldung der Unternehmen und Haushalte nach den bisherigen Zahlen bei rund 120 Prozent des BIP gelegen hat (im dritten Quartal 2012). Nun sind es aber noch nur 116 Prozent. Die EU hat übrigens eine Warnschwelle bei 160 Prozent festgelegt. Diese Zahlen zeigen uns also, ob ein Zinsniveau bereits zu einer überzogenen Kreditaufnahme führt und wieweit Sorgen vor einer zu laxen Geldpolitik berechtigt sind. Hier die neue Aufteilung nach Unternehmen und Haushalten:

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Doch was ist passiert? Nach Auskunft der Bundesbank ging es bei dieser weitreichenden Revision darum, dass 2011 und im ersten Halbjahr 2012 konzerninterne Darlehen geringer ausgefallen sind als zunächst vorläufig geschätzt wurde. Dabei habe auch eine geänderte Erfassung der Darlehen eine Rolle gespielt. Zugleich nutzte die Bundesbank den Veröffentlichungstermin der Zahlen des vierten Quartals um die laufende Harmonisierung der Verschuldungsstatistik der Privatsektoren in den EU-Länder abzuschließen. Diese habe zu weiteren Datenrevisionen seit 1991 geführt – siehe erste Grafik. Dabei kamen aber durchweg größere Werte heraus.

* Die Gesamtkreditvergabe an den Privatsektor schließt alle möglichen Kreditgeber ein – nicht nur die Banken. Sie umfasst zum Beispiel auch die Schuldenaufnahme am Kapitalmarkt (Wertpapiere ohne Aktien und andere Anteilsscheine) oder konzerninterne Darlehen. Konkret für die nichtfinanziellen Unternehmen muss man in den oben verlinkten Bundesbankzahlen die “festverzinsliche Wertpapiere” und die “Kredite” addieren, um auf die aktuelle Summe der Gesamtkreditvergabe von 1532 Mrd. Euro im driitten Quartal zu gelangen. Ende des vierten Quartals 2012 waren es 1523 Mrd. Euro.

Diese unkonsolidierten Zahlen sind wiederum relevant für das EU-Frühwarnsystem vor Makro-Ungleichgewichten. Unkonsolidiert heißt, dass auch die Kreditvergabe innerhalb eines Sektors, wie zum Beispiel im Unternehmenssektor mit in die Zahlen einfließt. Die Harmonisierung soll europaweit bis 2014 abgeschlossen sein, und kann in einzelnen Ländern noch zu stärkeren Veränderungen führen. Ab nächstem Jahr sollen die Zahlen in EU wie bei der Staatsverschuldung ähnlich gut vergleichbar sein.

Überschwemmung in Frankfurter Börsenköpfen

Unsere Freunde von der „Börse vor Acht“ wissen es natürlich immer am besten. Es sind also die Banken und jetzt sogar Großinvestoren, die sich billiges Geld von Zentralbanken leihen und damit angeblich die Aktienkurse auf nie gekannte Höhen treiben. Auch der lustigste „Experte“, der im Frankfurter Börsentempel noch seine Zeit tot schlagen darf, meldet sich zu Wort: “Das billige Geld ist wie Wasser – es sucht sich seinen Weg.“ Zwei Aussagen, die wir so schon vor Wochen bestellt hatten – Lieferung erfolgt, dankeschön.

Wer recherchiert, der hat keine Meinung, so geht ein alter ironischer Journalistenspruch. Nur beim Hessischen Rundfunk haben sie anscheinend die Ironie überhört oder sie betreiben dort lieber simplen Meinungsjournalismus. Ja klar, die Zeit ist schon sehr knapp so kurz vor der Tagesschau, da muss man halt auf den Punkt kommen. Dann braucht man sich auch nicht mehr fragen, warum die EZB von Mitte 2012 bis vergangenen Freitag exakt 414 Mrd. Euro an Zentralbankgeld vernichtet hat.

Die Banken brauchen mittlerweile ein Drittel weniger davon. Milliarden, mit denen die Geldhäuser unmöglich zugleich die Kurse getrieben haben können, oder doch? Ganz zu schweigen davon, dass man dem Zuschauer ja erklären müsste, wie genau diese Milliarden eigentlich die elektronischen Mauern der Zentralbanken verlassen – was sie eben nie tun! (Mit den Verbindlichkeiten gegenüber den Notenbanken stopfen die Krisenbanken gerade einmal so ihre Bilanzlöcher).

130508 EWU Equity Holdings

Ganz zu schweigen auch davon, dass die Aktienbestände in den Bilanzen der Geschäftsbanken irgendwie einfach nicht steigen wollen – zumindest noch lange nicht über das Vorkrisenniveau. Bei allen anderen wachsen sie etwas stärker, also bei Unternehmen, Fondsgesellschaften, Versicherungen, Stiftungen und Privathaushalten. Aber was haben die mit dem günstigen Geld der Notenbanken zu tun? Richtig, fast nichts. (Außer, dass die EZB verhindert hat, dass die Banken am Rand des Eurolands reihenweise kollabieren und ihr Kreditgeschäft völlig einstellen.)

Dass die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre bereits zu einer höheren Verschuldung bei allen Nichtbanken geführt hätte, ist auch nur ein Gerücht. Und: Ingesamt hielten alle Sektoren im Euro-Raum Ende 2012 immer noch weniger in Aktien als kurz vor Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 – sie haben die damaligen Kursverluste und Aktienverkäufe noch immer nicht ausgeglichen. Interessant ist dabei, dass die Banken Ende 2012 sogar noch 12 Prozent weniger hielten als damals. Bei den Nichtbanken waren es dagegen nur noch 3 Prozent weniger – was sie mittlerweile wohl aufgeholt haben könnten.

Aber das sind jetzt wahrscheinlich schon zu viele Fakten für den lieben Robert und unsere Freunde vom Fernsehen.

Krise brutal

Die wirtschaftliche Depression in vielen Euro-Ländern lässt die Menschen in Massen nach Deutschland flüchten. Darauf deuten eben veröffentlichte Daten des Statistikamts Destatis. Die Zahl der nach Deutschland zugewanderten EU-Bürger legte 2012 um 18 Prozent beziehungsweise knapp 100 000 Personen zu.

130507 DE Zuwanderer

Vor allem aus den Südländern ist der Zustrom brutal hoch: „Aus Spanien kamen 45 % mehr Einwanderer als im Jahr 2011 (+ 9 000 Personen). Die Zahl der Einwanderungen aus Griechenland (+ 10 000) und Portugal (+ 4 000) stiegen im Vergleichszeitraum jeweils um 43 %. Aus Italien wanderten im Berichtsjahr 40 % mehr ausländische Personen zu (+ 12 000 gegenüber 2011)“, heißt es in der Pressemitteilung von Destatis.

Insgesamt bedeutet das für Deutschland: 2012 zogen rund 1,08 Menschen zu, so viel wie zuletzt  1995 (Hier geht’s zur PM). Erstmals seit 18 Jahren wurde damit auch die Eine-Million-Marke geknackt.

Mathias Ohanian auf Twitter: @mathiasohanian