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Meine Stimme aus Wien: Der Durst wächst – nach Wirtschaftsinformationen

Wer sich die globale Konjunkturentwicklung anschaut, dem fällt sicherlich die Divergenz zwischen den beiden größten Wirtschaftsräumen auf. Amerikas Notenbankchefin, Janet Yellen, bekräftigte am Freitag zwar ihren positiven Ausblick. Interessanter war, was uns die zum Zwangsoptimismus verurteilte Ökonomin verschwieg: Die operativen Nettogewinne der US-Unternehmen sanken in den zwölf Monaten bis Juni um 3,4 Prozent. Kein Wunder, fahren die Manager doch ihre Neuinvestitionen zurück-um fast zehn Prozent. Hinzu kommt noch ein Alarmsignal: Die Firmen weiten ihre Lohnsumme deutlich langsamer aus, im Frühjahr verlangsamte sich der Zuwachs um 19 Prozent im Vergleich zum Sommer 2015.

Anders sieht es auf den ersten Blick in der größten Volkswirtschaft des Eurolands aus. In Deutschland stieg der Exportüberschuss im Frühjahr auf den Rekord von 7,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den zwölf Monaten bis Juni nahm die Nettoexportquote um 0,56 Prozentpunkte zu, während von den privaten Investitionen kein Impuls erkennbar war. Unübersehbar lässt der Impuls aus dem Außenhandel aber bereits kontinuierlich nach. Um so bemerkenswerter wirkt hier der Fiskalimpuls, der Deutschland dank der Flüchtlingsausgaben ebenfalls über Wasser hält. Denn die Staatsausgabenquote stieg um 0,32 Prozentpunkte auf 21,6 Prozent des BIPs – was gewöhnlich so nur in Abschwüngen zu beobachten ist.

Es wird in den nächsten Monaten also spannend werden. Kann sich Europa vom Abwärtstrend aus Übersee weiterhin abkoppeln? Wie auch immer die Entwicklung ausgeht, was wir mit Sicherheit sagen können: Der Durst der Öffentlichkeit nach verlässlichen Wirtschaftsinformationen wächst gerade in diesen unsicheren Zeiten. Investitionen in Wirtschaftsmedien dürften sich daher sehr bald als lukratives Geschäft erweisen.

Dieser Beitrag erschien als Kolumne im WirtschaftsBlatt vom 30. August 2016.

Foto: Flickr/erokism/(CC BY 2.0)

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  • Klaus-Dieter Heise

    Kleine Anmerkung:
    Den Begriff „Staatsausgabenquote“ kennt destatis nicht.
    Das BMF verwendet ihn auch nicht bzw. nur im Ungefähren.
    Sollte Sie aber die „Staatsquote“ meinen, wären eher ca. 45 % richtig.
    Was ist gemeint?

  • André Kühnlenz

    Staatsausgaben sind die Ausgaben der öffentlichen Haushalte für die Bereitstellung von Dienstleistungen (z.B. Verteidigung, Bildung, Polizei, Gerichte, Gesundheit, usw. – auch Staatskonsum genannt) sowie die Investitionen. Diese Staatsausgaben kann jeder wie er möchte zu einer Gesamtausgabengröße ins Verhältnis setzen, hier – wie in der Grafik zu sehen – ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Und das ist die Staatsausgabenquote, der Anteil der Staatsausgaben an den gesamtwirtschaftlichen Ausgaben.

    Dabei sind aber die Ausgaben der Sozialversicherungen nicht enthalten. Denn die gehen zum Großteil als Konsum der Privathaushalte in die gesamtwirtschaftlichen Ausgaben ein und werden daher nicht als Staatsausgaben gezählt, denn sonst gäbe es ja eine Doppelzählung.

    Wenn Sie sehen wollen, wie stark der Staat umverteilend ins Wirtschaftsgeschehen eingreift, also durch die eben erwähnten Staatsausgaben, die Sozialleistungen und die Subventionen, dann sollten Sie auf die „Staatsquote“ schauen, die diese Größen zusammen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) setzt. Die „Staatsquote“ liegt tatsächlich eher bei 45 Prozent, genau wie Sie schreiben. Sie gibt aber keinen Anteil an den Gesamtausgaben an, sondern ist ein Verhältnis, der Begriff Quote ist hier natürlich unangebracht…

    https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsquote

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