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Willkommen im Klub, liebes Euroland, …willkommen bei uns Drogendealern!

Gleich wenden wir uns wieder dem Bild des Drogendealers zu. Fangen wir etwas trocken mit einer ökonomischen Gesetzmäßigkeit an: Will jemand sparen, kann er es nur, wenn er jemand anderem Kredit gibt. (Wir vergessen einfach mal, dass wir unser Bargeld auch in der Matratze einnähen könnten.)

Wer zum Beispiel sein Erspartes zur Bank bringt, der gibt der Bank einen Kredit. Das Geldhaus wiederum finanziert damit Investitionsdarlehen, Ratenkredite für den Hauskauf oder größere Anschaffungen oder die Bank legt unser Erspartes in Wertpapieren (auch eine Art von Kredit) an.

Wird in einem Land aber weniger investiert und auf Pump konsumiert als gespart wird, fließt das Geld ins Ausland. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine Volkswirtschaft zuviel spart, gibt sie dem Rest der Welt immer einen Kredit. Natürlich gibt es auch Konsum und Investitionen ohne Pump, aber das finanzieren wir mit unserem Einkommen und zurückgelegten Gewinnen. Diese Ausgaben sollen hier keine Rolle spielen.

130523 EWU LEISTUNGBILANZ

Diese Gesetzmäßigkeit sollten wir bedenken, wenn wir uns den starken Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses des Eurolands im März anschauen. Am Mittwoch hat die EZB die neuesten Zahlen veröffentlicht. Was sagt uns das: Das Euroland exportiert mehr Güter und Dienstleistungen ins Ausland, als wir von dort erhalten. (Hinzu kommen noch Erwerbs- und Vermögenseinkommen und andere Übertragungen, die wie hier aber ignorieren können.) Wir, also das Euroland, verzichtet auf Konsum und Investitionen, weil wir lieber mehr Geschäfte im Ausland machen.

Doch wie kann das Ausland mehr Güter und Dienstleistungen einführen als es selber herstellt? Es braucht dafür Kredit oder Erspartes (was das Gleiche ist, wie wir am Anfang dieses Beitrags gesehen haben). Denn ihr eigenes Erspartes nutzt das Ausland bereits, um Investitionen und den Konsum im Inland zu finanzieren. Das Ausland kann also nur dann mehr verbrauchen als es einnimmt, wenn es Kredit bekommt. Und wer gibt den Kredit? Das können nur die Länder, die mehr im Ausland verdienen als sie für ausländische Güter ausgeben. Konkret sind das also die Länder mit einem Leistungsbilanzüberschuss.

Der Rausch vom Gelddrucken: Wie ein Drogendealer am Bahnhof

Gleich sind wir wieder beim Bild des Drogendealers. Wer der restlichen Welt Kredit gibt, das ist derjenige, der in unserer modernen Weltwirtschaft das Geld erschafft. (Es ist niemals die Notenbank!) Eigentlich nicht so schwer zu verstehen, selbst wenn man die Sendung „Börse vor Acht“ moderiert. Wie ein Händler beständig seine Aufputschmittel an den Kunden bringt, so versetzen die Überschussländer den Rest der Welt in einen Rausch. Einen Rausch aus Konsum und Investitionen. Immer ist es mehr als man sich dort eigentlich leisten kann.

Und wer von seinem Dealer Jahr für Jahr mehr und noch mehr Rauschmittel kauft, der kommt vielleicht einmal an einen toten Punkt. Irgendwann setzt sich der Abhängige eine Überdosis. In der Weltwirtschaft passiert das dann, wenn in einem Land die Schuldner ihre Kredite nicht mehr tilgen und keine Zinsen mehr zahlen können. So ist es in den USA, Spanien und Irland passiert als dort die jüngste Finanzkrise begann. Nur mit Mühe und Not konnten die Patienten gerettet werden. An den Folgen der Überdosis leiden wir alle noch heute.

Unser Auslandsvermögen ist ständig in Gefahr

Nun besteht die Welt aus vielen Ländern. Und es könnte jemand einwenden, dass wir unseren Kredit gleichmäßig auf der Welt verteilen könnten. Es müsse nicht unbedingt zu Übertreibungen und Kreditboom kommen, heißt es dann. Und dann heißt es auch: Wo die Bevölkerung stärker wächst als bei uns, diese Länder dürften es sich doch leisten können. Sie müssten doch unseren Darlehen samt Zinsen zurückzahlen können, sagen manche.

Das Problem ist nur, dass wir den Weg der Geldströme im Ausland kaum noch kontrollieren können. Genau das ist es, was den Übergang zur kapitalgedeckten Altersvorsorge in Deutschland (die nur im Ausland erfolgen kann) so riskant macht. Und genau so riskant ist es, wenn Länder wie Spanien auf diesem Weg ihre enorme Auslandsverschuldung abbauen wollen (oder sollen, wenn es nach den Vorstellungen in Berlin oder Frankfurt geht).

Erfahrungen zeigen, dass die Kredite von einem Land zum anderen wie an einer Kette weitergereicht werden. Und immer wieder kommt es dazu, dass sich diese Kapitalströme auf wenige Regionen konzentrieren. Waren es vor einem paar Jahren die USA, Spanien oder Irland, sind heute vielleicht Brasilien, Kanada oder Südostasien.

Finanzkrisen sind so gut wie vorprogrammiert

Vielleicht schon bald werden diese Regionen von einer Kreditüberdosis heimgesucht. Neue Finanzkrisen sind so gut wie vorprogrammiert. Oder die Länder schotten sich irgendwie von den internationalen Kapitalströmen ab. Tut dies das ganze Ausland dann bleiben wir „sitzen“ auf dem riesigen Berg an Arbeitslosen an der Rändern Eurolands. Dann brennen hier bald die Barrikaden!

Auch wenden einige ein, dass doch die Notenbanken den weltweiten Kreditrausch anheizen, indem sie ihre Zinsen so niedrig festsetzen. Dies würde zu leichtfertiger Kreditaufnahme und Fehlinvestitionen führen. An den Warnungen ist schon etwas dran – aber nur zum Teil.

Wachsende Ungleichheit führt zur Krise

So wie eine Heroinschwemme aus Afghanistan die Preise am Bahnhof einbrechen lässt, so ist es auch in der Weltwirtschaft. Nur ist es hier nicht der Preis für ein Gramm Heroin sondern der Zins, wie der Preis des Geldes genannt wird. Wird die Kreditschwemme zu groß, kann selbst die Notenbank mit einem höheren Zinsen nichts mehr anrichten.

Vielleicht versteht man jetzt, warum die wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen (wie in Deutschland) am Ende immer zu mehr Krisen führen wird. Vergleichsweise geringe Arbeitskosten und „mehr Wettbewerbsfähigkeit“ sind das eine, verlorenes Auslandsvermögen ist das andere. Deswegen muss dagegen dringend etwas unternommen werden, für den Frieden auf der ganzen Welt und für die Zukunft späterer Generationen!

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  • Mario

    Mir ist nicht so klar worauf dieser Artikel hinaus will, bzw. ein paar Dinge ganz schön durcheinander geraten.

    Fällt in einer offenen Volkswirtschaft die Nachfrage hinter die Produktion zurück, bedeutet das, dass Nachfrage importiert bzw. Güter exportiert werden. Der Teil der Wertschöpfung, der nicht von den Einwohnern konsumiert wird, kann ja nicht einfach in der Ecke vergammeln. So weit so gut. Das bedeutet einfach, dass die Einwohner in dieser Volkswirtschaft einen Teil ihrer Wertschöpfung nicht nutzen, ergo dieser Teil nach herkömmlichem Vokabular ‚gespart‘ wird.
    So auch in der Eurozone. Auch hier ist den Bürgern die Lust (sic!) am Konsumieren vergangen, so dass im Aggregat der Zone eine kleine Menge der neuerlichen Wertschöpfung liegen bleibt. Wohlgemerkt, eine kleine Menge. Und hier wird es jetzt haarig.
    So erfahren wir in der Grafik, dass etwa seit 2010 die Eurozone mehr exportiert als importiert, sprich laut Definition mehr spart als investiert. Dabei weisen die neuesten Zahlen einen Betrag von 25 Milliarden aus, wohlgemerkt nicht Billionen nicht hunderte Milliarden, sondern 25 Milliarden, etwa das Taschengeld Bill Gates. Bei einer geschätzten Wertschöpfung von etwa 12 bis 13 Billionen interessiert das Verhältnis wenn überhaupt nur noch Pfennigfuchser.
    Also ja, wir haben ein Problem innerhalb der Eurozone. Ja, es geht auch immer ungleicher zu. Ja, das sind keine guten Aussichten für die Zukunft vor allem im Hinblick auf die (nicht)getätigten Investitionen. Das ist alles klar ersichtlich aus der Saldenmechanik, die sich die Verteilung und Nutzung der realwirtschaftlichen Produktion anschaut.
    Diese 25 Milliarden Euro, wohlgemerkt die Differenz zwischen eingekauften Gütern aus dem Ausland und verkauften Gütern an das Ausland, soll nun raffgierige Amerikaner in den Konsumwahn stürzen und ein Kreditfeuerwerk zum Besten geben?
    Also nein, Nettoströme (und schon gar nicht dieser Größenordnung) sind nicht verantwortlich für finanziellen Überschwang. Und nein, Kreditblasen und sonstige Vermögensblasen werden nicht aus einer kleinen Restgröße, die dem Verkehr von international verkauften Gütern und Dienstleistungen entspringt, finanziert. Und nein, sie drücken auch international nicht die Zinsen (höchstens vielleicht langjährige US T Anleihen o.A.) und sind auch bedingt für die international zunehmende Geldschöpfung verantwortlich.
    Meiner Ansicht nach werden hier 2 entscheidende Dinge hier durcheinander gebracht:
    1) Die Leistungsbilanz spiegelt realwirtschaftliche Produktion und Verwendung in einer VW wider. Sofern diese Relevanz für das Ausland besitzt, macht sich das in einer positiven oder negativen Nettogröße bemerkbar. Neben der Realwirtschaft gibt es aber noch die Finanzwirtschaft und internationale Kapitalverflechtungen, die nichts mit der Realwirtschaft am Hut haben (zumindest vordergründig).Das bringt mich zu:
    2)Nettogrößen geben Aufschluss darüber, wie sich bestehende internationale Verpflichtungen vermehren und der internationale Konsum aufgeteilt wird. Sonst nichts. Sprich sie vermehren Auslandsvermögen, die durch internationale Investitionen entstanden sind, aber möglicherweise mit Leistungsbilanzungleichgewichten nichts am Hut haben müssen. Absolut gar nichts (in einer offenen VW ohne Kapitalverkehrskontrollen). Und diese Auslandsvermögen machen sich durch Transaktionen bemerkbar, die eine vielfache Größe derer aufweisen, die durch das internationale hin-und herschiffen von Gütern entstehen. Sprich: Bruttoströme, die ganz schön gewaltig sind. Es sind auch diese Bruttoströme, die uns vergegenwärtigen, wie Kredit- und damit auch Geldschöpfung zustande kommt, weil sich in ihnen die Hebelwirkung der internationalen Verschuldung (Finanzierung durch FK) widerspiegelt. Hier lauert also die Gefahr für Finanzstabilität, nicht im Realsektor. Nur damit man mich nicht falsch versteht: das passiert auch in der Realwirtschaft, also auch irgendwie versteckt in der Leistungsbilanz, aber in einem verhältnismäßig zu den Bruttoströmen, vernachlässigbaren Ausmaß.

    Noch ein Puzzle bei den Zinsen: Ich glaube nicht, dass diese sich wie etwa auf dem Gütermarkt durch Nachfrage und Angebot, so wie es hier suggeriert wird, entstehen. Denn das würde die Verantwortung der Zentralbanken übergehen, die Leitzinsen (zumindest für die kurze Frist) setzen und zusammen mit den Erwartungen der Wirtschaftsakteure, die dieses Verhalten bewerten, den langfristigen Zins beeinflussen. Kapitalströme haben vielleicht indirekt Einfluss über den Wechselkurs.

  • André Kühnlenz

    Klar sind die Dimensionen noch eher gering – besonders im Vergleich zu Deutschland oder China. Seit Mitte 2011 hat das Euroland 195 Mrd. Euro an Überschüssen angesammelt. Und die haben schon mit der Realwirtschaft zu tun. Sie werden als Kredit an die Welt gegeben werden, die damit wiederum Güter und Dienstleistung aus dem Euroland kauft, was wiederum unsere Überschüsse erhöht. Es ist ein wechselseitiges Aufschaukeln. Ausgelöst durch ein Abgleiten der Binnenwirtschaften im Euroland in die Depression kommt am Ende eben ein höherer Leistungsbilanzüberschuss heraus – was sich so lange verstärkt, wie das Ausland unser Geld und unsere Güter annimmt.

    Natürlich sind die Bruttoströme im Finanzsystem um ein Vielfaches höher. Das hat aber auch mit Umsätzen zu tun, und nicht damit was neu im Finanzsystem gespart wird. Vor der Finanzkrise sind die USA 5 Billionen Dollar geflossen – aus China, aus Deutschland, aus den ölexportierenden Ländern. Genau um die 5 Billionen Dollar hat sich auch die Verschuldung der Privatsektors in den USA erhöht. Dass die Verschuldung im Finanzsektor diesen Kapitalzufluss erst in den gewaltigen Kreditboom verwandelt hat, den es dann am Ende gab – ist auch klar.

    Das war hier aber gar nicht Thema. Das sind die zwei Seiten der Medaille: Einmal Leistungsbilanzungleichgewichte und zum anderen der starke Risiko-/Verschuldungsaufbau im Finanzsektor selbst. Und: Ganz sicher haben die Notenbanken Einfluss auf das Zinsniveau. Aber Jahre vor der Finanzkrise war es doch das große Rätsel, warum die Renditen in den USA nicht gestiegen sind – obwohl die Fed längst die Zinsen erhöht hat. Vielleicht lag es an den 5 Billionen Dollar der Sparüberflutung, die in die USA strömte?

    Nochmal konkret: So wie die Chinesen den Markt von sicheren US-Anleihen aufgekauft haben, um so mehr gerieten andere Investoren in Anlagenotstand, die nicht mehr ausreichend „sichere“ Rendite erwirtschafteten. Da war es doch nur verlockend, bei den AAA-Subprime-Papieren zuzugreifen…

  • Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website

    […] Diese Gesetzmäßigkeit sollten wir bedenken, wenn wir uns den starken Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses des Eurolands im März anschauen. Am Mittwoch hat die EZB die neuesten Zahlen veröffentlicht. Was sagt uns das: Das Euroland exportiert mehr Güter und Dienstleistungen ins Ausland, als wir von dort erhalten. (Hinzu kommen noch Erwerbs- und Vermögenseinkommen und andere Übertragungen, die wie hier aber ignorieren können.) Wir, also das Euroland, verzichtet auf Konsum und Investitionen, weil wir lieber mehr Geschäfte im Ausland machen. Quelle: Weitwinkelsubjektiv […]

  • Andreas

    Es passiert endlich genau das, was Merkel will: die Eurozone als Ganzes erwirtschaftet Überschüsse. Und jetzt müssen wir nur noch schnell einen anderen Planeten finden, mit dem wir Handel treiben können, damit die anderen Länder der erde es auch so machen können.

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