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Eine konzertierte Anleitung, den Bleigehalt an Füßen zu erhöhen

„Ihr könnt doch immer nur alles schlecht reden“ – so oder so ähnlich bekommt es wahrscheinlich jeder einmal in Deutschland zu hören, der auf Fehlentwicklungen aufmerksam macht. Aber nicht doch, wir haben auch Vorschläge parat. Wir kritisieren nicht nur Ökonomen, wie die des Kronberger Kreises. Nein, hier wird zumindest auch über intelligente und kreative Lösungen nachgedacht. Darüber, wie wir die nächste dramatische Finanzkrise verhindern können.

Lösungen zum Beispiel, wie wir die enorme Ersparnis der Deutschen für die Zukunft des Landes und Europas einsetzten können. Oder wie der Kronberger Kreis es etwas umständlich formuliert, wie wir mehr Blei an unsere Füße binden können. Die NachDenkSeiten haben am vergangenen Freitag dankenswerterweise auf eine etwas ältere Grafik aus diesem Blog hingewiesen, die mich sogar tatsächlich noch einmal zum Nachdenken angeregt hat.

130514 DE PRODSeit dem ersten Bündnis für Arbeit 1996 haben sich die geschwächten Gewerkschaften von den Arbeitgebern ganz schön an der Nase herumführen lassen. Die Arbeitnehmer haben seitdem verzichtet und zwar auf den sogenannten Verteilungsspielraum, den der Produktivitätszuwachs bietet. Lohnerhöhungen hatten sich grob nur noch an der Inflationsrate auszurichten und nicht einmal das wurde geschafft. Doch obwohl das Pendel jahrelange zugunsten der Arbeitgeber ausschlug, entstanden über Jahre aber noch lange keine neue Jobs in Deutschland.

Erst als unsere Ersparnis (oder besser gesagt: Gewinne, die Dank Lohnzurückhaltung und Steuersenkungen gestiegen waren) – also als unsere Ersparnis mit dazu beitrug, Kreditblasen in Ländern wie Spanien oder den USA anzuheizen, sanken hier die Arbeitslosenzahlen. Plötzlich konnten wir überall auf der Welt noch mehr Güter als je zuvor verkaufen – allerdings auch erst rund zehn Jahre nach dem ersten Bündnis für Arbeit. Es war nur leider eine Arbeitsmarkterhohlung auf Pump. Spätere Generationen werden sich noch bitter darüber beklagen – wenn sich nicht bald etwas ändert.

Denn auch heute sieht es nicht viel anders aus. Mittlerweile legen wir (also diejenigen unter uns, die das Geldvermögen tatsächlich besitzen) wieder 9 Prozent unserer Wirtschaftsleistung als Kapital kurz- und langfristig im Ausland an – wir fluten die Welt schon wieder mit unserem billigem Geld. In den zwölf Monaten bis Juli waren es bereits 250 Mrd. Euro. Selbst unser mageres Wachstum basiert schon wieder fast ausschließlich auf Pump – und das aber ganz schön heftig. Die Binnennachfrage hierzulande ist ja immer noch eher ein Witz.

130924 DE KAPITALBILANZ2Was natürlich gefährliche Folgen haben wird. Denn jeder Kreditexzess kann nur so stark wachsen, wie er gefüttert wird. Egal, wie lax die Kreditvergabepraxis irgendwo auch ausfallen mag. Wir liefern den Treibstoff, der jede noch so zuverlässige Kreditmaschine überhitzen lassen kann. Solange der Stoff aber fließt und fließt und immer mehr davon fließt, finden sich vielleicht noch Maschinisten, die den Motor anfangs fixen und Öl nachgießen. Doch jeder Motor versagt einmal, wenn er viel zu lange, viel zu schnell läuft.

Wollen wir die nächste Krise nicht einfach nur abwarten (und das kann gefährlich werden) – dann muss die nächste Bundesregierung handeln. Sofort! Und nicht nur die. Wenn die neue Koalition diese Krisengefahr nicht angeht, wird sie die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten stellen – das ist jetzt schon einmal sicher. Die Lage sei heute sogar schlimmer als vor der Lehman-Krise, warnt bereits das Krisen-Orakel William White (auch via NachDenkenSeiten gefunden), der früher einmal als Chefvolkswirt bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zumindest jedes Symptom eines Kreditexzesses schon einen Kilometer gegen den Wind gerochen hat.

Dabei könnte alles ganz einfach gehen – ohne, dass SPD (oder Grüne) mit der Union tagelang in Koalitionsverhandlungen streiten müssen, ob und um wie viel diese oder jene Steuer steigen sollte oder auch nicht. Was wir brauchen, ist folgendes: Wir müssten uns alle dazu verabreden, dass wir mit dem (Kredit)-Treibstoff nicht mehr die ganzen Welt überfluten, sondern den eigenen heimischen Wirtschaftsmotor betanken und ihn endlich wieder zum Laufen bringen.

Das sind die wichtigsten Grundzüge dieser Verabredung:

1. Die Löhne müssen sich grundsätzlich wieder an Produktivitätszuwachs plus (Ziel-)Inflationsrate von zwei Prozent ausrichten. Die Abkehr von der sozialen Marktwirtschaft, sie hat ja nichts gebracht, was auf Dauer Bestand haben könnte – außer eine heftige Krise nach der anderen! Auch wenn wir es heute noch nicht am Arbeitsmarkt spüren: Die Zeit wird kommen, ganz sicher, wir werden es noch früh genug merken!

2. In einem neuen dreiseitigen Bündnis vereinbaren Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Bundesregierung, dass Deutschland alles unternimmt („Whatever it takes“), um seine enormen Leistungsbilanzüberschüsse abzubauen (also das, was wir jährlich in die weite Welt hinaus schleudern). Eigentlich bräuchten wir ja Defizite, wenn jetzt Spanien und Italien auf Überschüsse machen (sollen). Aber gut.

3. Solange die Überschüsse nicht abgebaut sind, werden automatisch Tariferhöhungen wirksam, die dem Doppelten entsprechen, was Produktivität und Inflation vorgeben – und zwar ausnahmslos über alle Branchen hinweg. Auch die Mindestlöhne steigen vorübergehend. Aber keine Angst – es bleiben zwei Auswege, wie Arbeitgeber diesem Schicksal entkommen können und ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren werden.

4. Die Arbeitgeber können Punkt 3 umgehen, wenn die Investitionen in Deutschland jedes Jahr um 3 Prozent des BIP steigen. Also nur ein Drittel dessen, was wir derzeit an Ersparnis ins Ausland exportieren. Aktuell wären das ungefähr um die 75 bis 80 Mrd. Euro, so wie es das DIW mit seinem Investitionspakt vorgeschlagen hat. Gegebenenfalls könnte noch über eine Aufteilung in öffentliche und private Investitionen nachgedacht werden.

5. Wenn Arbeitgeber es aber nicht schaffen, diese Summe im Inland zu investieren oder der Bund es nicht schaffen sollte, mehr Geld für Infrastruktur, Bildung und Energiewende auszugeben, dann können die Arbeitgeber und der Bund diese Summe gern auch in einem Zukunftsfonds anlegen. Dieser Fonds wird paritätisch verwaltet von Managern der öffentlichen und privaten Hand (bloß keine Elbphilharmonieflughäfen mehr!). Verzinst wird die Einlage in Höhe des nominalen Anstiegs des Bruttoinlandsprodukts, die die Regierung aus Steuergeldern zu leisten hat.

6. Die Mittel aus dem Fonds werden in die Zukunft Deutschlands, aber auch in die Europas langfristig investiert. Ideen gibt es genug dafür. Auf diesem Weg bekämen wir auch eine privatfinanzierte Transferunion, die natürlich wie jede Transferunion unseren Exportunternehmen zu Gute kommt. Mit Transfers – vor allem aus dem Westen in den Osten und dann wieder zurück in einige wenige Portemonnaies im Westen – damit kennen wir uns doch bestens aus in Deutschland.

7. Keiner verlangt, dass unsere Exportchampions ihre Ausfuhren in die weite Welt reduzieren sollten. Aber seien wir ehrlich, wenn wir weniger Kredit ans Ausland geben, werden Firmen auch weniger dort absetzen. Aber durch die private und freiwillig finanzierte Transferunion aus Punkt 6 können die Ausfuhrunternehmen einen Teil der Verluste ja wieder ausgleichen – wenn nicht sogar alles.

8. Sobald der Leistungsbilanzüberschuss verschwunden ist (oder auch früher), dürften alle, auch Privatanleger und Ausländer weiterhin in den Zukunftsfonds investieren, dessen Verzinsung auf lange Sicht wachsen wird, weil er ja in die Zukunft des Standorts investiert und damit die Wachstumschancen sowie die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands verbessern wird. Rentenpläne für Privatanleger könnte zudem angedacht werden.

9. Steigt der Leistungsbilanzüberschuss dann wieder auf mehr als 3 Prozent – tritt wieder Verabredung Nummer 3 in Kraft und alles beginnt von vorne.

Das wäre doch jetzt einmal ein schöner Plan, der die Zukunft Deutschlands sichern könnte. Er wäre auch dringend notwendig, wenn alle Länder im Euro-Raum ganz bitter versuchen, ihre Leistungsbilanzen im Plus zu halten. Dazu brauchen wir natürlich noch deutlich mehr öffentlichen Druck auf Gewerkschaften, Arbeitgeber und die neue Koalition. Gerade SPD und Grüne sollten endlich Mut beweisen – den, den sie im Wahlkampf so schön versteckt haben. Fehlt uns allen aber der Mut dazu, dann sieht es ganz schön düster aus – für dieses Land und für Euroland. Aber eher noch findet Frau Merkel endlich zu ihrer wahren Berufung – wir kennen das ja – wie sie kurz vor dem Aufprall noch das Ruder umreißt: Frau Merkel – die Frau aus Osten, rettet die soziale Marktwirtschaft und Europa zugleich, das wäre doch mal was. Hoffentlich ist nur noch nicht zu spät, wenn sie endlich einmal aufwacht.

Und kommt mir bloß nicht mit Freiheit, Tarifautonomie und Marktwirtschaft! Genau darum geht es hier, die (soziale) Marktwirtschaft darf auch gern einmal gerettet werden! Muss natürlich nicht!

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  • thewisemansfear

    Die vordergründigen Krisenursachen finde ich gut hergeleitet.
    Allerdings setzt Punkt 3 zwingend 100% (Zwangs-)Tarifbindung aller Arbeitgeber voraus, das dürfte interessant werden durchzusetzen ;o)
    Okay, es soll ja nur als Drohgebärde verstanden werden, aber in Punkt 4 Zwangsinvestitionen zu fordern ist ähnlich abenteuerlich. Man hört schon förmlich die Schreie von Planwirtsc……

    Müsste man nicht vielmehr der Ursache auf den Grund gehen, warum die Investitionstätigkeit lahmt? Letzten Endes haben wir es doch in den Industrieländern mit gesättigten Märkten zu tun, wo Oligopolstrukturen als „Spitze der Evolution“ gelten und der vielbeworbene „Wettbewerb“ eben nur noch unzureichend (über den Preis) stattfindet. Echte Innovationen, die die von Schumpeter bezeichnete „schöpferische Zerstörung“ mit sich bringen, gibt es nicht mehr. Stefan L. Eichner hat sich in seinem Blog seit Ausbruch der Krise mit einer ganzen Reihen an Aufsätzen diesem strukturellen Problem gewidmet. Es kostet Zeit sich da durchzuarbeiten, aber die ist meiner Meinung nach gut investiert.

  • André Kühnlenz

    @thewisemansfear

    Okay, wir haben 59 Prozent Tarifbindung – das reicht doch schon. Und von Zwang ist hier keine Rede, sondern von einer Selbstverpflichtung der Arbeitgeber. Und wenn es stimmen sollte, dass wir gesättigte Märkte haben und deswegen die Investitionen lahmen, gibt es immer noch den Weg über den Zukunftsfonds. Keiner soll gezwungen werden in sein eigenes Unternehmen zu investieren. Dass wir in der Infrastukur, Bildung, usw. enormen Nachholbedarf haben, dürfte wohl außer Frage stehe. Auch wenn jetzt also doch Steuererhöhungen kommen sollten, werden die ausreichen, um eine Summe von 75 bis 80 Mrd. € zusätzlich für öffentliche Investitionen zu aktivieren…? Ich vermute mal nicht.

  • Harald Schumann

    Schön geträumt. Aber das Programm setzt ein Maß an wirtschaftlicher Einsicht voraus, über das 99% der relevanten Akteure nicht verfügen. Oder habe ich das was verpasst?

  • André Kühnlenz

    @Harald Schumann Das ist allerdings nicht ganz unwahrscheinlich… :)

  • Namensvetter

    Danke für diesen tollen Entwurf, der zeigt wie es weitergehen kann..
    Ich finde ihre Grafik, ist die Grafik schlechthin. Ich zeige sie gerne anderen Leuten. Es ist meist ein sehr bedrückender Moment, wenn sie merken, dass sie jahrelang betrogen wurden. Für nichts, was es wert gewesen wäre.
    Ich habe schon überlegt sie mir auf ein t-Shirt drucken zu lassen. Bilder sagen ja manchmal mehr als tausend Worte. Dürfte ich das?

  • Heinz Göd

    Ja, für ein paar Jahrzehnte eine gute Idee.
    Langfristig haben wir aber noch mehr Probleme.
    Das wichtigste: Die derzeitige Landwirtschaft, ob konventionell oder bio, beide können keinen Nährstoff-Kreislauf mit dem Boden schaffen.
    Jede Pflanze entnimmt dem Boden eine bestimmte Menge an Stoffen. Wird die Pflanze oder Teile davon von ihrem Boden entfernt, so verarmt der Boden an diesen Stoffen. Diese Stoffe in der richtigen Menge durch Düngung dem Boden wieder zuzuführen, ist ein Aufwand, den kein Landwirt zu leisten vermag.
    Wie das für heute aussieht, zeigt
    http://www.members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zusammenarbeit/IQOAsD.html
    (Bitte bis zur Grafik scrollen)
    Nach einer gewissen Zeit sind die dort wachsenden Pflanzen mit wenig Nährwert, im Extremfall wird der Boden unfruchtbar.
    Wir verlieren derzeit jährlich etwa 12 Millionen Hektar fruchtbares Land, ein Teil davon durch falsche BodenNutzung (Pflug, Pestizide, Auslaugung … ) und die Böden werden schleichend immer schlechter
    http://www.sswm.info/sites/default/files/toolbox/UNEP%20et%20al%201997%20soil%20degradation.png
    und die Nahrungsmittel immer minderwertiger
    http://www.chemievorlesung.uni-kiel.de/1992_umweltbelastung/dueng2.htm
    http://storytel.republika.pl/AktVitamine.html
    Minderwertige Lebensmittel bestraft die Natur mit Krankheiten und die Evolution andet dies auf längere Sicht mit dem Niedergang der betreffenden Zivilisation,
    die USAner sind schon auf dem Weg dazu, siehe
    http://www.medknowledge.de/abstract/med/med2006/06-2006-4-diabetes-usa-da.htm
    http://diabetes.niddk.nih.gov/dm/pubs/statistics/index.htm
    und die Menschheit allgemein auch:
    http://members.aon.at/goedheinz/GOD_Deutsch/Zukunft/2069FaqD/2069FaqD_Nahr.html#Gesundheit&HochertragsSorten
    Wir werden in den kommenden Jahrzehnten unser Gehirn ordentlich anstrengen müssen….

  • André Kühnlenz

    @Namensvetter Nur zu! :)

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