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Der Mindestlohn und die 70 Milliarden Zinsersparnis deutscher Unternehmen

Alle reden von den armen Sparern in Deutschland. Fast niemand redet von den reicher werdenden Unternehmen. Außer Peter Barkow. Barkow war früher unter anderem Analyst bei Lehman Brothers, seit 2009 betreibt er die Beratungsfirma Barkow Consulting in Düsseldorf – bekannt auch durch seine Schätzungen der Zinsmargen deutscher Banken, die regelmäßig im Handelsblatt erschienen. Auch bei der FTD war er uns als kompetenter Gesprächspartner bekannt. Einer der besten, die sich mit den Kreditstatistiken in Deutschland auskennen.

Ich will hier jetzt einen Bogen spannen, zu Barkows Schätzungen kommen wir gleich: Fangen wir damit an, zu welchen Kostensteigerung der Mindestlohn führen dürfte. Da haben wir zum Beispiel die Schätzung des DIW: „Durch einen allgemeinen Mindestlohn von 8,50 Euro würde die Lohnsumme um drei Prozent steigen“, schreiben die Volkswirte des Berliner Instituts.

Damit es nicht allzu kompliziert wird mit den Sozialbeiträgen der Unternehmen, schauen wir uns folgende Rechnung an: Auf die hypothetisch maximale Belastung kommen wir, wenn wir uns das Arbeitsentgelt anschauen. Das enthält auch die Sozialbeiträge der Arbeitgeber: Dann würde ein dreiprozentiger Anstieg der Lohnsumme zu rund 41 Mrd. Euro höheren Kosten pro Jahr führen. Rechnen wir nur mit den Bruttolöhnen kommen wir auf 34 Mrd. Euro. Also dürften die Kostensteigerungen irgendwo dazwischen legen, sagen wir bei 36 Mrd. oder 37 Mrd. Euro – das sind 0,1 Prozent 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

So nun kommt Barkow ins Spiel. Im jüngsten Newsletter seiner Firma finden wir folgende schöne Grafik:

Bildschirmfoto 2013-11-28 um 09.06.48Dazu schreiben die Berater:

  • Deutsche Unternehmen haben in den letzten 2 1⁄2 Jahren insgesamt EUR 8,4 Mrd. gespart, in dem sie auslaufende hochverzinste Bankkredite durch günstigere Neukredite abgelöst haben. Bis Ende 2016 wird die kumulierte Ersparnis voraussichtlich auf insgesamt EUR 46,8 Mrd. ansteigen.
  • Unter Berücksichtigung weiterer Verbindlichkeiten wie z. B. Anleihen, Krediten von Versicherungen oder in Fremdwährung, fällt die Gesamtersparnis sogar noch einmal signifikant höher aus. Barkow Consulting schätzt, dass die Gesamtersparnis bis 2016 dementsprechend sogar auf ca. EUR 70 Mrd. ansteigen könnte.
  • Die Prognosen von Barkow Consulting beinhalten den jüngsten Zinsanstieg, unterstellen darüber hinaus allerdings ein ansonsten unverändertes Zinsumfeld sowie konstante Kreditmargenaufschläge durch die Banken.

Weitere Details zu den Schätzungen im Newsletter von Barkow Consulting (Anmeldung hier).

Was können wir daraus lernen? Wenn der Mindestlohn also 2015 eingeführt wird, braucht es eine gewisse Zeit, bis höhere Löhne auch in größerer Nachfrage durchschlagen. Zudem muss sich unser Kaufverhalten ändern. Wenn die Deutschen bisher Güter und Dienstleistungen konsumiert haben, die zu Dumpinglöhne entstanden sind, die also nicht einmal das Existenzminimum garantieren, dann müssen wir Deutschen eben mehr für diese Produkte ausgeben – so einfach ist das. Vielleicht geben wir ja dann weniger für Ipads oder sonstigen Kram aus. Das ist und bleibt immer eine bewusste gesellschaftliche Entscheidung – und das ist auch gut so.

Um die Zeit zu überbrücken bis sich das Kaufverhalten ändert, könnten wir einen Solidarfonds einrichten. Besonders in Ostdeutschland dürfte so etwas sehr hilfreich sein, keine Frage. Der Fonds kann sich aus der Zinsersparnis der Unternehmen speisen, die sich nach Barkows Berechnungen auf 70 Mrd. Euro summieren könnte. Wenn die Zinsen wieder steigen sollten, dann fragen wir doch bei denen nach, die eine Summe von 1,1 Billionen Euro (Privates Nettoauslandsvermögen der Deutschen ohne Direktinvestitionen) irgendwo im Ausland geparkt haben. Das ist immerhin rund 30mal so viel, wie wir eben an Kostensteigerungen für die Unternehmen grob geschätzt haben. Dazu kämen noch die Beträge, die der Staat spart, wenn er weniger an Aufstocker auszahlen muss.

Sagen wir es doch einfach so: Noch nie waren die Zeiten für Mindestlöhne besser als heute. Was die Gegner des Mindestlohns tatsächlich aber fürchten, das hat die Deutsche Bank neulich in einer Studie offen und klar auf den Punkt gebracht:

„Über den einmaligen Lohnschub hinaus könnte ein alljährliches Hochsetzen der Lohnuntergrenze die Tarifverhandlungen präjudizieren und so die Löhne in einem breiten Spektrum zusätzlich nach oben treiben.“

Nur was spricht dagegen, wenn die Löhne mit 2 Prozent (Inflationsziel) plus Produktivitätszuwachs der gesamten Volkswirtschaft zulegen? Nichts, denn das heißt bekanntlich nichts anderes als soziale Marktwirtschaft. Und auch die Bundesbank muss jetzt ihren Mund halten. Oder glaubt jemand ernsthaft in Frankfurt-Bockenheim, dass ein Lohnanstieg von 3 Prozent (verrechnet auch noch gegen die staatlichen Aufstockungssummen) zu einem heftigen Inflationsschub im Euro-Raum führen wird? Wohl kaum.

Und das alles wissen auch diejenigen, die 1,1 Billionen Euro im Ausland parken. Jede Wette!

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  • Catweazle

    Der Mindestlohn von 8,50 Euro bringt zwar für die Betroffenen eine Erhöhung des Arbeitseinkommens, aber in den meisten Fällen hat es keinerlei Auswirkungen auf die Höhe des Gesamteinkommens. Es wird halt weniger Wohngeld/Hartz4 aufgestockt, das ist alles. Somit wird es auch keine signifikante Steigerung bei den Ausgaben der Haushalte geben.

  • daniel

    36 Mrd € = 0,1% des BIP?
    Ganz schön reich, dieses Deutschland!

  • André Kühnlenz

    Oh, das ist falsch, ja… 1,3% aktuell… Danke für den Hinweis!

  • egghat (@egghat)

    @catweazle:

    Das stimmt nicht. Die Ersparnis bei den Sozialleistungen für den Staat durch höhere Mindestlöhne wird vielfach überschätzt. Es ist mitnichten so, dass die meisten Niedriglöhner von dem Gehalt leben müssen. Ganz im Gegenteil: Der überwiegende Teil sind KEINE Aufstocker. (Hätte ich am Anfang auch nicht geglaubt)

    Das geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter, weil dort immer mit der einfache Formel gearbeitet wird, dass man von seinem Lohn leben können müsse. Das müssen in der Praxis aber überraschend wenig. Denn der „übliche“ Mindestlöhner ist immer noch weiblich und in Teilzeit. Und in diesen Fällen ist es ein Zuverdienst zum Hauptgehalt des Mannes. Und das zusammen liegt oberhalb von Harz IV.

    Der Mindestlohn von 8,50 wird aus sozialer Sicht verdammt wenig bringen. Und das liegt nicht an der Höhe des Mindestlohns, sondern an der Struktur der Mindestlöhner.

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