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Deutschlands Standortpropheten, sucht Euch für den Sommer einen ganz ruhigen Berg!

Der Economist träumt noch immer davon, Deutschland möge zur Hegemonialmacht Europas aufsteigen. Also so richtig, mit Strategie und Konzept und so… Nicht einfach nur den Europäern sagen, was sie tun sollen. Vielleicht mit ein bisschen mehr Verstand. Etwas ratlos verdrehen konservative Journalisten die Augen. Eher ahnungslose Kollegen behaupten sogar, Deutschland hätte doch niemals Kredite oder ähnliches Zeug in die Welt exportiert. Denn: „Wir schicken lieber ein ordentliches Auto in die Welt als ein Derivat, einen Kredit oder einen Hebel auf Optionsscheine.“ Nein, niemals. Aus Deutschland kommen doch nur Autos und Maschinen – und zwar höchster Qualität!

Solche Sprüche aus Düsseldorf, wo öffentlich-rechtliche Sparkassen-Banker sich jahrelang vom größten deutschen Geldkonzern über den Tisch haben ziehen lassen. Wo man so fleißig dabei war, das Ersparte der Deutschen in den Wind zu schießen. In Düsseldorf sind sie bestimmt noch immer stolz darauf, auf unsere Exporterfolge. Obwohl wir es an dieser Stelle schon einmal erwähnt haben, wir müssen wohl noch einmal darüber reden. Deutschland verliert Marktanteile im Export. Soviel, dass wir es nur noch dramatisch nennen können.

Doch solche Dramatik wollte man eigentlich verhindern in Europa. Deswegen haben wir extra das sogenannte Makro-Scoreboard bekommen: Elf Indikatoren, die anzeigen, ob es vielleicht zu gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichten in einem Land kommt. Nun ist es auch nichts Neues mehr, dass man in Deutschland solche Sachen wie Leistungsbilanzüberschüsse nicht so ernst nimmt. („Hallo, das sind doch unsere Erfolge…“). Ja klar, und Eure Schulden sind jetzt unsere Probleme.

Was man aber in Deutschland überhaupt nicht auf die leichte Schulter nimmt, das sind die Verluste im globalen Wettbewerb. Nur so kurz vor der Bundestagswahl, wer redet da schon gerne darüber. Fast 13 Prozent, soviel hat Deutschlands Wirtschaft zwischen 2007 bis 2012 verloren. Niedrigster Marktanteil am Weltexport seit 1994 – mindestens. Das hat die letzte Aktualisierung des Scoreboards durch Eurostat erst kürzlich ergeben.

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Laut EU-Makro-Frühwarnsystem sind jedoch nur maximal Verluste von 6 Prozent innerhalb von fünf Jahren gewollt/erlaubt. Also liebe Strategen, die Ihr schon wieder die schönsten Agenda-Pläne für die nächste Regierungskoalition vollschreibt: Denkt bitte noch einmal darüber nach! Seit der letzten Reformagenda haben wir übrigens nur verloren im globalen Export. Wie wäre es zu Abwechslung einmal mit Investitionen und keinen Lohnsenkungen? Vermögen sammeln wir ja immer noch wie die Weltmeister an und zwar im Ausland:Ohne Direktinvestitionen waren es dieses Jahr allein von Januar bis April netto 55,5 Mrd. Euro – das sind ganze 2,1 Prozent des BIP.

Wie wäre also es mit „Ein-Pakt-für-Deutschland“-Anleihen, deren Einnahmen nur für Investitionen, Bildungsausgaben, Kindergärten etc. genutzt werden dürfen. Warum nicht ein bis zwei paar Prozentpunkte mehr Zinskupon als beim Bund, wenn es um unsere Zukunft geht? (Nur die Projektträgerschaft neuer Flughäfen überlassen wir bitte lieber gleich der Privatwirtschaft.) Ich fange jetzt jedenfalls an, die Monate zu zählen. Die Monate, bis der Economist uns wieder zum „Kranken Mann Europas“… Aber halt, das wird natürlich nicht passieren, den anderen geht es ja noch viel schlechter…

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  • Hardy

    Zuviel Asmussen, zuwenig Flassbeck. Zuviel Snower, zuwenig Stützl.
    Dazu die unfassbare Inkompetenz selbst von FAZ(*) und Handelsblatt.

    Das schlimme ist, dass wirklich jeder Idiot sieht dass es immer schlimmer wird, aber niemand seine Rezepte überdenkt. Und irgendwann geht man selbst als Wohlmeinender davon aus, das es nicht Inkompetenz ist, sondern Absicht.

    Negative Realzinsen, zeitweilig negative Nominalzinsen – warum nicht mit 10 Milliarden monatlich zusätzlich an Schulden die Autobahnen, Universitäten, Kindergärten sanieren und Europa aus dem Dreck ziehen – wirtschaftlich wie geistig (Zuversicht)?
    Das, nicht Schuldenabbau, sind wir unseren Kindern schuldig.

    *) Der Ressortleiter Wirtschaft der FASZ, immerhin promovierter Literaturwissenschaftler, hat von Giralgeldschöpfung noch nie was gehört. Diese Ahnunglosigkeit demonstriert er ausgerechnet in einer Serie, in der er die Funktion von Banken erklären will. Da fehlen einem die Worte.

  • Biergarten Eden

    der verlinkte handelsblatt-kommentar ist ja unglaublich…. als online-chefredaktor müsste der sich jetzt eigentlich selbst abmahnen wegen ungehöriger quatschschreiberei. unfassbar…

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