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Zyperns Selbstmord auf Raten – eine brutale Rettung Teil 2 (Update)

Bundesregierung und fast die gesamte Opposition im Bundestag feiern das Rettungspaket für Zypern. In vielen Medien wird berichtet, das Land habe in letzter Minute noch eine Staatspleite abgewendet. Ach ja, tatsächlich? Angeblich soll das jetzt beschlossene Paket so viel besser sein als das, was noch eine Woche zuvor verkündet worden war. Im Nachhinein stellt sich jedoch heraus, dass die berechtigte Kritik an den absurden Troika-Beschlüssen vom 16. März einfach nur den Blick auf die katastrophalen Folgen trüben, die nun den Zyprern bevorstehen. Die Insel steuert jetzt erst recht auf einen Staatsbankrott zu – es ist ein Selbstmord auf Raten.

Bislang ist die Troika davon ausgegangen, dass die Banken 10 Mrd. € Kapital brauchen. Das deckt sich mit jüngsten Schätzungen von Morgan Stanley, die Analysten gehen von 8 bis 12 Mrd. € aus. Dieser Betrag soll jetzt allein durch die Kontoinhaber und die Aufspaltung der zweitgrößten Bank (Laiki Bank) aufgebracht werden. Ursprünglich brauchte die Regierung 7,5 Mrd. Euro, um den Refinanzierungsbedarf sowie laufende Ausgaben in den nächsten drei Jahren zu decken.

Nach allen Informationen, die bisher vorliegen, bekommt die Regierung jetzt also 10 Mrd. Euro vom ESM. Das könnten im besten Fall also 2,5 Mrd. Euro mehr sein, um die Folgen der jetzt einsetzenden Rezession abzufedern. Doch es ist mehr als zweifelhaft, ob das reichen wird?

Sobald die Kapitalverkehrskontrollen gelockert werden, werden Ausländer massenweise sich aus Zypern verabschieden bzw. sind sie schon längst heimlich dabei: Allein aus der Nicht-EU (sprich aus Russland und der Ukraine) lagen Ende 2012 30 Mrd. Euro bei zyprischen Banken. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass selbst nach Beteiligung der Ausländer an der aktuellen Rekapitalisierungsrunde, der Bedarf der zyprischen Banken rasch weiter anwachsen wird.

Denn so schnell wie die Einlagen durch die einsetzende Kapitalflucht schrumpfen werden, können die Banken gar nicht ihre Aktiva (vor allem Kredite) abbauen. Hinzu kommt, dass der Anteil ausfallbedrohter Darlehen infolge des jetzt einsetzenden Wirtschaftseinbruchs nochmals in die Höhe schießen wird, was den Kapitalbedarf ebenfalls erhöhen wird. Die neuen Löcher in den Bankbilanzen werden spätestens Ende 2013/Anfang 2014 sichtbar werden. Was folgt dann, sollen die Banken noch mehr geschrumpft werden? (Nicht zu vergessen, dass allein schon die Furcht vor weiteren Verlusten alle Ausländer aus dem Land vertreiben wird, die sind dann alle weg.)

Eine weitere Schrumpfung der Banken wird aber nicht mehr gehen. Denn, wenn sich die neue Kapitallücke bei den Banken aufgetan hat, wird sich die Rezession bereits heftig verschärft haben – auch weil ganz normale Unternehmen Einlagen verlieren, Rechnungen nicht mehr bezahlen können, viele Firmen, die vom Bankensektor abhängen, pleitegehen und natürlich viele Zyprer ihren Job verlieren werden.

Reinhard Cluse, Ökonom bei der UBS, schreibt in einer Analyse:

Firstly, given the likely ensuing damage to the banking sector (and related economic sectors), Cypriot GDP will probably face a sharp drop in 2013/2014 – and most certainly much worse than the European Commission’s latest forecast of -3.5% in 2013 and -1.3% in 2014. Secondly, the crisis might well lead to follow-up costs that will end up on the sovereign balance sheet.

Angesichts des aufgeblähten Anteils des Finanzsektors an der Bruttowertschöpfung von fast 10 Prozent gehen viele Bankökonomen bereits jetzt davon aus, dass die Wirtschaftsleistung um rund 20 Prozent in den nächsten Jahren schrumpfen wird.

Bildschirmfoto 2013-03-26 um 10.48.58Hier nur ein Beispiel von Morgan Stanley:

Taking Greece as an example of a country that has been impacted by considerable austerity, a severe credit crunch, structural reforms with negative short-term effects and eurozone exit fears (…), what happened there was a cumulative GDP contraction of about 20% so far.

Wenn die Banken aber nicht mehr weiter geschrumpft werden können (oder will man den Zyprern etwa einen Rückgang der Wirtschaftleistung um 40 Prozent zumuten?) und weil die Folgekosten der Rezession in die Höhe schießen werden, bleibt als Alternative eigentlich nur noch ein zweites Rettungsprogramm übrig. Natürlich nur, wenn wir Zypern noch im Euro halten wollen.

Schätzen wir einmal den zusätzlichen Finanzbedarf für die Rekapitalisierung der Banken (wegen der Kapitalflucht) und die Folgen der Rezession konservativ auf 5 Mrd. Euro – das wäre die Hälfte des jetzt verabschiedeten Programms oder ein Sechstel der russischen Einlagen.

Dann liegen die Staatsschulden in drei Jahren jedoch bereits bei 30 Mrd. Euro 24 Mrd. Euro – während die nominale Wirtschaftsleistung von 18 auf 14 Mrd. also um 20 Prozent schrumpfen wird, wie die Ökonomen vorhersagen. (Nicht zu vergessen, dass die Troika regelmäßig die Wirkung ihrer Programme auf die Wirtschaftsleistung in Griechenland unterschätzt hat und ganz sicher wird sie es auch jetzt (offiziell) tun.)

Dann landen wir bei einem Schuldenstand von mehr als 210 Prozent des BIP. Das wäre Staatsbankrott – Zypern ist nicht Japan.

/Update (26.03.13 – 21:30): Ursprünglich hatte ich die auslaufenden Staatsanleihen nicht beachtet. Bis zum ersten Quartal 2016 laufen 6,7 Mrd. Euro an lokalen und internationalen Staatsanleihen aus, die mit der Rettungssumme des ESM (10 Mrd. Euro) refinanziert werden sollen. Diese Summe erhöht natürlich nicht den Schuldenstand. Über die Laufzeiten der Darlehen fehlen leider die Angaben. Dann landet Zypern aber immer noch bei einem Schuldenstand von fast 170 Prozent des BIP im Jahr 2016, was man immer noch getrost Staatsbankrott nennen könnte. Das jetzt geplante Rettungspaket erhöht den Schuldenstand von 87 Prozent auf 105 Prozent des BIP aus dem Jahr 2012. Am Ende dürfte es 2013 also noch etwas mehr werden – abhängig davon wie stark die Wirtschaft dieses Jahr tatsächlich einbricht. /Updateende

Ohne Schuldennachlass (OSI) der Euro-Regierungen wird also nichts mehr gehen und auch der deutsche Steuerzahler wird  über den ESM erstmals einen Verlust erleiden. (Davon erfährt er aber erst nach der Bundestagswahl.) Oder spätestens dann wird Zypern aus dem Euro geworfen, wodurch jedoch nichts besser wird.

Das Problem ist, dass man einen aufgeblähten Bankensektor nicht über Nacht einfach so schrumpfen kann, ohne eine Katastrophe zu riskieren. Es wird jetzt hoffentlich klar, warum Zyperns Präsident Nikos Anastasiadis die ganze Zeit von einem drohenden Selbstmord warnte als er mit der Troika verhandelte. Und es wird auch klar, warum Erzbischof Chrysostomos II bei „diesen Genies“ in Brüssel den Euro bereits auseinanderfliegen sieht. Doch Deutschlands Spitzenpolitiker hatten vergangene Woche nicht besseres zu tun, als Zyperns Regierung zu unterstellen, sie wolle ja nur ihr überkommendes Geschäftsmodell retten.

Das Schlimme ist: Es hätte Alternativen gegeben, bei denen Kontoinhaber natürlich auch hätten bluten müssen – sicher, ohne geht es eben nicht mehr -, aber es hätte die Chance gegeben, dass die Zyprer weniger leiden müssen. (Wenn der ESM schon keine Banken direkt rekapitalisieren darf.) Wundern braucht man sich jedenfalls nicht mehr, dass überall im Euroland eine antideutsche Brandstimmung aufkommt.

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  • Wirtschaftswurm

    Die 20% BIP-Schrumpfung sind wohl realistisch. Ein flexibler Wechselkurs würde aber natürlich sehr wohl die Rezession abmildern. Günstige Preise würden z.B. den Tourismus ankurbeln.

  • Thomas Müller

    Kapitalflucht in Kapitalbedarf umzurechnen scheint mir nicht korrekt. Den Abfluss von Liquiditaet kann im Prinzip die Zentralbank durch ELA auffangen.
    Wie sich die Schrumpfung der Wirtschaft auswirkt, ist natuerlich nicht ganz klar.

    Zur Beteiligung anderer Banken: Ich habe die Zahlen nicht. Aber kann es sein, dass die aggregierten Zahlen auch Interbankkredite von anderen Instituten als Laiki und Bank of Cyprus enthalten? Z.B. den Toechtern russischer und griechischer Finanzinstitute. Solche Interbankkredite werden in jetzigem Loesungsmodell, wo nur Laiki und Bank of Cyprus Glaeubiger beteiligt werden, natuerlich nicht beteiligt. Aber zumindest bei Laiki kommen lediglich die insured depositors heile raus.

  • André Kühnlenz

    @Thomas Müller

    Guter Hinweis zu den Interbankenkrediten…

    Es ist schon klar, dass Kapitalflucht nicht gleich Kapitalbedarf ist. Ich wollte auch nur grob versuchen etwas abzuschätzen – ohne Anspruch an die Debt Sustainability Analysis (DSA) der Troika heranzukommen. Ich habe die Berechnungen übrigens auch noch einmal ergänzt, weil ich die auslaufenden Anleihen zunächst übersehen hatte.

    Auch Krugman spricht davon, dass ihn ein Wirtschaftseinbruch von 20 Prozent (real) nicht überraschen würde. Und ehrlich gesagt, können wir davon ausgehen, dass solch eine Prognose wohl nie in der DSA auftauchen würde, wenn wir die Erfahrungen aus Griechenland heranziehen. Diese Prognosen sind halt immer auch politisch motiviert und sollen auch beweisen, dass kein zweites Rettungspaket notwendig wird.

  • Banken sollen bluten (deutsche nicht) | Lost in EUrope

    […] Der zweite Punkt ist fast noch wichtiger. So, wie es in Zypern gemacht wurde, werden die Kosten nicht nur den Banken, sondern auch den Bürgern aufgebürdet. Die Opfer sollen für ihre “Rettung” selbst zahlen. Das ist pervers. Es ist tatsächlich ein “Selbstmord auf Raten”. […]

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