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Von Hohepriestern und anderen Klageweibern in der Volkswirtschaftslehre

Die sich aufheizende Diskussion um die Plurale Ökonomik (zum Beispiel hier, hier, hier und hier) wird sicherlich wieder einmal in einer Sackgasse enden. Da brauchen wir uns keinen großen Illusionen hergeben. Denn wie bereits gesagt, geht es hier wohl eher um Machtkämpfe universitärer Zünfte, die uns fatalerweise an spätfeudale Zeiten erinnern. Immerhin führt uns die Debatte erschreckend vor, wie akademische Volkswirte auch nach fast 200 Jahren Geschichte der Konjunkturzyklen immer noch nicht begreifen, wie und warum das Auf und Ab der kapitalistischen Marktwirtschaften zustande kommt. Stattdessen klammern sich Ökonomen genau wie die völlig verunsicherten Wirtschaftspolitiker an alte Rezepte und Gedankengebäude, die heutzutage noch weniger mit der Realität zu tun haben als sagen wir vor zehn oder zwanzig Jahren.

Der eine oder andere Pöbelbürger soll die grassierende Orientierungs- und Hilfslosigkeit durchaus schon bemerkt haben, hört man so. Der Magdeburger Professor Joachim Weimann brachte am Montag in der FAZ das Dilemma hervorragend auf den Punkt, woran sein eigenes Forschungsprogramm krankt, wenn er schreibt: „Die neoklassische Theorie [liefert] mit ihren Idealwelten die Benchmarks, die man braucht, um erkennen zu können, wo die Realität von idealen Zuständen abweicht und was man dagegen tun kann.“ Nun wissen wir alle, dass perfekte Gleichgewichtslagen oder die später erdachten optimalen Gleichgewichtspfade lange Zeit als ideologische Grundgerüste herhalten mussten – erst gegen die alten feudalen Oberschichten, schon bald in den Auseinandersetzungen mit der Arbeiterbewegung und später mit den staatssozialistischen Versuchslaboren auf dieser Welt.

Nur, warum müssen wir sie im 21. Jahrhundert noch immer einem Gott gleichsetzen und uns dann darüber wundern, dass die Welt doch nicht so will, wie Gott es in den Vorstellungen der akademischen Hohepriester vorsieht? Was, wenn es diese idealen Zustände aus Makrosicht so noch nie gegeben hat und auch niemals geben wird? Wissenschaftlich gleich null, wenn daraus sogar ganze Mechanismen konstruiert werden. Brauchen wir denn wirklich diese Ahnung idealer Zustände, wenn wir definieren, wie wir in der globalen Gesellschaft miteinander leben, wo wir dem Markt Grenzen setzen wollen oder einfach nur müssen? Wenn wir schon die realen Marktentwicklungen mit ihren ständig wiederkehrenden und immer krasser werdenden Krisen durchleiden, wo Krieg und Terror längst zum normalen Alltag gehört, dann sollten genau diese bitteren Erscheinungen immer den Ausgangpunkt bilden, wenn wir über die Wirtschaft in der Welt reden. Denn von jeder Art von Heilsversprechungen haben wir uns eigentlich schon lange verabschiedet, seit die Massen im Osten vor fast 27 Jahren die Mauern zum Westen eingerissen hatten.

Heute sind die Feudalherren und die Arbeiterbewegung längst verschwunden und die staatssozialistischen Experimente erleben ihre Wiedergeburt in staatskapitalistischen Feldversuchen mit autoritärem Ausschlag – nicht nur in Eurasien sondern langsam und schleichend kommen sie längst auch im Westen an. Heute sind die „Idealwelten“, von denen Weimann spricht, auch als theoretische Konstrukte nur noch ein Schatten ihrer selbst. Selbst wenn sie als ideologische Klammeraffen in den Köpfen unserer Politiker und Technokraten noch immer herumspuken mögen. Da hilft es wenig, wenn Psychologie, Verhaltensökonomik oder immer komplexere Modelle mit total ausdifferenzierten Erwartungen und zum Teil einfach ausgedachten Zufallsschocks uns die Abweichungen von angeblich „idealen“ Gottzuständen beschreiben sollen. Auch die vagen und „vielen Facetten fundamentaler oder radikaler Unsicherheit“ fallen vermutlich genau in diese Kategorie.

Irgendeine dieser Ausreden zieht halt immer, das wusste schon Erich Honecker – bis sie es nicht mehr taten. Wer aber weiterhin einem Idealzustand hinterherjagt, bei dem die Sonne um die Erde kreist, wird mit viel Geschick und nach tausenden Anpassungen der Parameter seines Modells sich natürlich auch immer wieder glücklich schätzen, wenn er nach vielem Hin und Her die Bahnen der Sonne endlich am Firmament abfangen kann – bis er morgen seine Parameter wieder komplett neu berechnen muss. Aber Rätselraten ist bekanntlich keine Wissenschaft.

Erklären kann die akademische Volkswirtschaftslehre die Wirtschaftskrisen bis heute nur in rudimentären Ansätzen. Ein Schelm, wer die aufkeimende Beliebigkeit und sogar gewisse Pluralität, die gerade noch in das neoklassische Korsett hinein passt, als wissenschaftlichen Fortschritt des Mainstreams verkaufen will. Aber die herrschende Volkswirtschaftslehre schreitet wie eh und je einfach nur weiter auf ihren dunklen Pfaden (Hatte nicht ein berühmter deutscher Ökonom sie einmal als „Vulgärökonomie“ bezeichnet?). Notenbanken navigieren im Blindflug durch unsichere Zeiten und die Volkswirtschaftslehre feiert weiter als wäre nichts geschehen – frei nach Bertolt Brecht: „Das gegen ihn gespritzte Gift verwandelt der Mainstream in Rauschgift und genießt es“. Wer aber auf der Linken meint, das liege alles an den Geschäftsinteressen der Großkonzerne, irrt gewaltig, denn die besten empirischen Analysen kommen heute immer noch aus den Banken und Fondsgesellschaften.

Die ausufernden und oft sehr billigen Rechtfertigungsversuche, die wir heute von orthodox-geprägten Ökonomen erleben, werden nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir noch ewig warten müssen, bis sie uns endlich einmal die Wirtschaftsentwicklung systematisch erklären. Dieses Ziel jeder Wissenschaft wird nicht einmal mehr als Programm überhaupt noch formuliert. Da wundert es auch nicht, dass keiner dieser Ökonomen auch nur ein inhaltliches Argument gegen seine Kritiker hervorbringt. So weit sind wir schon gekommen, dass sie vor lauter Angst vom Glauben abzufallen, nicht einmal ihre wackligen Theoriegebäude auch nur für eine Sekunde verlassen können und wollen. (Ich habe tatsächlich fast ein halbes Jahr versucht, mit Rüdiger Bachmann zu streiten – keine Chance!) Was für ein erbärmlicher Rückschritt unserer Kultur und des Geistes.

Wer aber rumjammert, dass er im Gegensatz zur Naturwissenschaft nur sehr eingeschränkt in der Gesellschaft Experimente durchführen kann oder dem irgendwelche Daten fehlen (nach den großartigen Fortschritten, die die amtliche und nichtamtliche Statistik in den vergangenen Jahrzehnten gerade in Europa erreicht hat, die Amerikaner waren da schon immer sehr viel weiter), dem kann man nur zurufen: Du, lieber Akademiker, siehst erstens den Wald vor lauter Bäumen nicht, wenn Du das große gesellschaftliche Experiment auf dieser Erde nicht begreifen willst, in dem wir nun einmal alle miteinander verstrickt sind. Und Du, lieber Akademiker, hast vielleicht einfach nur Deine Berufung verfehlt, selbst wenn man Dir dafür tolle Summe zahlt, einfach nur Luftblasen zu produzieren. Wir brauchen Dich nicht, wenn Du Dich nicht endlich darum kümmerst, wenigstens die statistisch gemessene Realität in ihren Bewegungen zu erklären und Du dabei auch nicht vergisst Dich selbst immer wieder in Frage zu stellen. Deine Idealwelten interessieren einfach niemanden mehr, denn die Zeit dafür, sie läuft uns einfach nur davon. Dass die Welt nicht in Ordnung ist, das wissen wir schon lange, wenn Du sonst nichts zu erzählen hast, dann lass es doch einfach.

Foto: Flickr/Matt Jiggins/(CC BY 2.0)
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  • kalo

    „Die neoklassische Theorie [liefert] mit ihren Idealwelten die Benchmarks, die man braucht, um erkennen zu können, wo die Realität von idealen Zuständen abweicht und was man dagegen tun kann.“
    Es ist eine seltsam hartnäckige Krankheit, wenn z. B. Eric Hobsbawm schon Anfang der 80er Jahre von einer ‚Theologie des Marktes‘ sprach und die Verfechter der damit kritisierten Haltung sich heute Mühe geben, ihre ‚Arbeit‘ genau so erscheinen zu lassen.
    Daß wir Ideale als Norm brauchen, um zu wissen, wie wir leben wollen, ist hier zu der verqueren Auffassung verkorkst worden, daß wir von einer idealen Funktionsweise des ganzen gesellschaftlichen Großsystems ‚wüßten‘, dem wir unsere Lebensmöglichkeiten verdanken. Wenn Ingenieure wissen, wie eine für einen bestimmten Zweck ideal geeignete Maschine beschaffen sein muß, werden sie daraus kaum die Behauptung ableiten, sie wüßten nun also, wie die einschlägigen physikalischen Gesetze beschaffen sein müßten („um erkennen zu können, wo die Realität von ihnen abweicht“? – meine Güte!). Das hätte nämlich eine seltsame Nähe zu magischem Denken.

    Eigentlich dachte ich immer, wie seien nun schon aufgeklärt. Irgendwie stimmt das nicht angesichts der Titel, Ämter, Würden, Ehren und Gehälter für solchen Cargo Cult.

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