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Meine Stimme aus Wien: Geistige Untiefen aus der Welt des Dr. Schäuble

Unter den Topökonomen Deutschlands spielt sich ein Trauerspiel ab. Vorige Woche legte der Sachverständigenrat, bekannt als „die Wirtschaftsweisen“, ein Gutachten vor. Darin setzen vier Professoren darauf, dass Investoren an den Finanzmärkten die Risiken von Staatspleiten richtig einschätzen und so die Euro-Regierungen von einer zu hohen Schuldenaufnahme abbringen sollen. Um den Druck zu erhöhen, müsse schlussendlich ein Euro-Austritt möglich sein.

Der Rat liefert damit den Überbau für die Grexit-Fantasien von Finanzminister Dr. Schäuble. Wobei die Phrase „theoretischer Überbau“ einem kaum in den Sinn kommen mag. Ausgerechnet Investoren können zu mehr Stabilität beitragen? Nein, sagt der Berliner Ökonom Marcel Fratzscher: „Gerade die globale Finanzkrise 2008 und die europäische Krise der vergangenen Jahre zeigen, dass Investoren und Finanzmärkte eher die Ursache und nicht die Lösung von Finanzkrisen sind.“ Hinzu kommt, dass ein Austrittsmechanismus dazu einladen würde, erst recht gegen den Euro zu spekulieren.

Keine Rezepte, die Griechenlandkrise zu beenden

Bei so vielen Untiefen wundert es nicht, dass sich im Gutachten kein einziges Rezept findet, die wirtschaftliche Depression Griechenlands zu beenden. In Deutschland gibt es stattdessen viele Anhänger von Dr. Schäuble, die an die heilende Wirkung schmerzhafter Anpassungskrisen glauben. Nach Jahren des kreditgetriebenen Booms müssten eben Produktionsstätten und Jobs verschwinden, weil sie „nicht marktfähig“ seien, so zitieren auch die „Sachverständigen“ einen Glaubenssatz des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (pdf).

Noch 2014 schrumpfte der Kapitalstock (siehe Grafik des IWF) – das vierte Jahr in Folge und so stark wie noch nie in Friedenszeiten. Dabei sollte selbst nach Vorstellung deutscher Schocktherapeuten so etwas nicht mehr passieren. Denn Griechenland braucht schon seit zwei Jahren unter dem Strich keinen Auslandskredit mehr.

Dieser Beitrag erschien als Kolume im WirtschaftsBlatt vom 4. August 2015.

Foto: Flickr/blu-news.org/(CC BY-SA 2.0)
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  • Jochen

    Schäuble scheint mit seiner Sparpolitik nahtlos an die Tradition von Reichskanzler Brüning anschließen zu wollen, dem es mit seiner Radikalkur auch gelang, den Versailler Vertrag loszuwerden. Was allerdings dann kam, sollte sich lieber nicht noch einmal wiederholen…

  • CGB

    „Nach Jahren des kreditgetriebenen Booms müssten eben Produktionsstätten und Jobs verschwinden, weil sie „nicht marktfähig“ seien, so zitieren auch die „Sachverständigen“ einen Glaubenssatz des Kieler Instituts für Weltwirtschaft “
    @Jochen: Ganz genau, „Reinigungskrise“ wurde das in den 1930ern genannt. Lautenbach 1931 dazu: „Die Vertreter der Wiener Schule erkennen das Sparparadoxon nicht als krisenverschärfend an, „machen lediglich eine verfehlte Kreditexpansion während der steigenden Konjunktur für die Krise verantwortlich und sehen in der Depression eine bewußte Kreditausdehnung als fehlerhaft an.“ (Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. [Hrsg. Wolfgang Stützel] Tübingen 1952, S. 157.)

  • CGB

    Sorry, Zitatkorrektur – es lautet korrekt:
    „Für die Disproportionalitäts-Theorie bedeutet die Krise und die Depression nichts als einen großen Reinigungsprozeß, vergleichbar mit dem Fieber eines Kranken, und ihre Vertreter halten demzufolge grundsätzlich
    jede konjunkturpolitische Maßnahme für eine Kur an Symptomen, die dem wirklichen ReInigungsprozeß und der wirklichen Gesundung Abbruch tut.
    Im Gegensatz dazu erblicken die Anhänger der monetären Konjunkturtheorie wenigstens zu einem großen Teil in rein kreditpolitischen Maßnahmen zur Verbilligung und Vermehrung des Kredits einen Ausweg aus der Krise. Andere allerdings, insbesondere die führenden Vertreter der sogenannten Wiener Schule lehnen diese Konsequenz ab; sie machen lediglich eine verfehlte Kreditexpansion während der steigenden Konjunktur für die Krise verantwortlich und sehen in der Depression eine bewußte Kreditausdehnung als fehlerhaft an.“ (Lautenbach 1931 in Zins, Kredit und Produktion, S. 165 f).

  • CGB

    Ich werde alt und nun scheinbar auch Legastheniker – die richtige Seitenangabe zu obigem Zitat lautet: 156 f. Von Franz Joachim Clauß (1968) noch ein Zitat zur Thematik:
    „Die Weltwirtschaftskrise mit ihren astronomischen Arbeitslosenziffern hatte der Fachwelt endgültig gezeigt, daß die Reinigungskrisen-Theorien zu größten und folgenschwersten Verwirrungen des nationalökonomischen Denkens überhaupt geführt hatten. Selbst die leidenschaftlichsten Anhänger dieser Lehrmeinungen konnten nach dieser Erfahrung nicht mehr glaubhaft machen, wie man die langjährigen Arbeitslosenheere dieser Zeit und ihre schlimmen politischen Folgen – vor allem in Deutschland als „Reinigungsprozeß“ verstehen sollte.“
    (http://www.saldenmechanik.info/files/saldenmechanik/Franz_Joachim_CLAUSS_-_Abnorme_Salden_-%20_Prueffeld%20USA%201929-1940.pdf, S. 7 des PDFs)

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