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Bundesbank zaubert Schulden weg

Um eins vorwegzunehmen, diese Geschichte handelt nicht von einem Skandal oder ähnlichem. Dennoch ist es spektakulär, was in den Bundesbankzahlen zur Verschuldung des Privatsektors in Deutschland vor wenigen Tagen passiert ist und bisher – soweit ich weiß  – noch nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Nach einer großen Datenrevision sind die Schulden von Unternehmen und Haushalten in Deutschland deutlich geringer als bisher gedacht. Die Furcht vor zu niedrigen Zinsen in Deutschland ist damit noch weniger gerechtfertigt als sie es bisher schon war. Im Gegenteil: Die Minizinsen stützen auch in Deutschland die Konjunktur, meint zumindest Bundesbankchef Jens Weidmann.

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Wies die Bundesbank für das dritte Quartal noch eine Gesamtkreditvergabe* an die (nichtfinanziellen) Unternehmen von 1650 Mrd. Euro aus, standen vor wenigen Tagen plötzlich nur noch 1532 Mrd. Euro  in ihren Tabellen. Wie gewaltig diese Statistikrevision ist, zeigt sich darin, dass die Verschuldung der Unternehmen und Haushalte nach den bisherigen Zahlen bei rund 120 Prozent des BIP gelegen hat (im dritten Quartal 2012). Nun sind es aber noch nur 116 Prozent. Die EU hat übrigens eine Warnschwelle bei 160 Prozent festgelegt. Diese Zahlen zeigen uns also, ob ein Zinsniveau bereits zu einer überzogenen Kreditaufnahme führt und wieweit Sorgen vor einer zu laxen Geldpolitik berechtigt sind. Hier die neue Aufteilung nach Unternehmen und Haushalten:

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Doch was ist passiert? Nach Auskunft der Bundesbank ging es bei dieser weitreichenden Revision darum, dass 2011 und im ersten Halbjahr 2012 konzerninterne Darlehen geringer ausgefallen sind als zunächst vorläufig geschätzt wurde. Dabei habe auch eine geänderte Erfassung der Darlehen eine Rolle gespielt. Zugleich nutzte die Bundesbank den Veröffentlichungstermin der Zahlen des vierten Quartals um die laufende Harmonisierung der Verschuldungsstatistik der Privatsektoren in den EU-Länder abzuschließen. Diese habe zu weiteren Datenrevisionen seit 1991 geführt – siehe erste Grafik. Dabei kamen aber durchweg größere Werte heraus.

* Die Gesamtkreditvergabe an den Privatsektor schließt alle möglichen Kreditgeber ein – nicht nur die Banken. Sie umfasst zum Beispiel auch die Schuldenaufnahme am Kapitalmarkt (Wertpapiere ohne Aktien und andere Anteilsscheine) oder konzerninterne Darlehen. Konkret für die nichtfinanziellen Unternehmen muss man in den oben verlinkten Bundesbankzahlen die „festverzinsliche Wertpapiere“ und die „Kredite“ addieren, um auf die aktuelle Summe der Gesamtkreditvergabe von 1532 Mrd. Euro im driitten Quartal zu gelangen. Ende des vierten Quartals 2012 waren es 1523 Mrd. Euro.

Diese unkonsolidierten Zahlen sind wiederum relevant für das EU-Frühwarnsystem vor Makro-Ungleichgewichten. Unkonsolidiert heißt, dass auch die Kreditvergabe innerhalb eines Sektors, wie zum Beispiel im Unternehmenssektor mit in die Zahlen einfließt. Die Harmonisierung soll europaweit bis 2014 abgeschlossen sein, und kann in einzelnen Ländern noch zu stärkeren Veränderungen führen. Ab nächstem Jahr sollen die Zahlen in EU wie bei der Staatsverschuldung ähnlich gut vergleichbar sein.

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