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Meine Stimme aus Wien: Vergessen wir nicht Frankreichs Schuldenblase

Alle reden über Italien, wo die maroden Banken mit ihren notleidenden Krediten gerettet werden müssen. Dabei rückt ein Land etwas in den Hintergrund: Frankreich. Fast unbemerkt hat sich in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone eine gewaltige Schuldenblase gebildet. Die Bruttoschulden der Unternehmen machten zuletzt mehr als 1800 Prozent, also das Achtzehnfache, der operativen Gewinne (vor Steuern und Zinsen) aus. Vor der Finanzkrise war es noch das Zehnfache. Wenn wir die Forderungen aus Krediten und Anleihen abziehen, hat sich die Verschuldung immer noch verdoppelt: von 500 Prozent auf zuletzt 1000 Prozent. In Italien waren es Ende 2015 netto 735 Prozent.

Hat Frankreich also ein größeres Schuldenproblem als Italien, müssen wir hier sogar mit mehr Zahlungsausfällen rechnen, wenn die Konjunktur und die Einnahmen wegbrechen? Französische Unternehmen brachten zuletzt fast 50 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Schuldentilgung und Zinsen auf, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schätzt. In Italien lag die Schuldendienstquote bei 40 Prozent. Alles hängt davon ab, wann die Darlehen und Anleihen auslaufen und ob die Unternehmen es dann schaffen, diesen Kredit zu verlängern und die Rückzahlungen so hinauszuschieben.

Weit beunruhigender ist jedoch, dass offensichtlich kaum jemand den rasanten Anstieg der Verschuldung in Frankreich mitbekommen hat. Das liegt daran, dass die EU-Kommission, andere Institutionen und viele Ökonomen oft die Schuldenrisiken am Bruttoinlandsprodukt messen. Dies ist um so fataler, wenn der Gewinnanteil am Einkommen so stark schrumpft wie in Italien und Frankreich. Sollte die EU also die nächste Krise überleben, wissen die Aufsichtsbehörden hoffentlich, worauf sie im nächsten „Aufschwung“ achten müssen.

Dieser Beitrag erschien als Kolumne im WirtschaftsBlatt vom 19. Juli 2016.

Foto: Flickr/patrick janicek/(CC BY 2.0)

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