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Deutschlands Top-Professoren blamieren sich

Auf großes Unverständnis und Verwunderung ist in Europa ein Aufruf von 190 deutschen Wirtschaftsprofessoren gestoßen. Darin sprechen sie sich gegen die Ausweitung des aktuellen Rettungsschirms für klamme Euro-Staaten sowie gegen einen permanenten Krisenmechanismus aus. Kurios: Ifo-Chef Hans-Werner Sinn unterschreibt einen Aufruf, der eigentlich seinen eigenen Berechnungen widerspricht.

Die Volkswirte schreiben: „Derzeit wird erwogen, das Volumen des Schirms zu vergrößern und ihn als dauerhafte Einrichtung zur Stützung illiquider Staaten vorzuhalten. Jedoch fehlt für beide Maßnahmen eine überzeugende Rechtfertigung.“

Die Ökonomen, die zur Elite der deutschen Wirtschaftsprofessoren zählen, stellen sich damit gegen eine bisher verbreitete Konsensmeinung im Euro-Raum: Demnach dürften die drei Rettungstöpfe, der Euro-Staaten, der Europäischen Union (EU) und des Internationalen Währungsfonds (IWF), nur sehr knapp ausreichen, den gesamten Finanzbedarf Spanien, Irlands, und Portugals bis 2013 zu decken. Zusammen mit dem Widerstand aus den Regierungsparteien im Bundestag gegen ein Ausweitung des Euro-Rettungsfonds, hatte dies Ende vergangener Woche dazu geführt, dass sich die Spannungen an den Kapitalmärkten der Randstaaten im Euro-Raum wieder verschärft hatten.

Die Marktunruhe erinnert an die Tage nach der Irland-Rettung im November 2010, als die Nervosität extrem hoch geblieben war. Viele Investoren hatten sich darum gesorgt, ob der Rettungsschirm auch Nothilfen an Spanien verkraften würde. „Steigende Spreads in Portugal, Spanien und Griechenland machen deutlich: Der Markt zweifelt am europäischen Rettungsschirm!”, hieß es Ende November in einer Marktanalyse der Commerzbank. Vielen Investoren sei wohl erst damals klar geworden, dass das tatsächliche Volumen des Rettungsschirms nicht bei 750 Mrd. Euro sondern bei rund 500 Mrd. Euro liege. Erst als Bundesbankchef Axel Weber andeutete, dass die Mittel aus dem EFSF-Fonds der Euro-Staaten notfalls aufgestockt werden würden, hätten sich die Sorgen vieler Investoren um den Rettungsschirm gelegt.

Wie sich jetzt jedoch herausstellt, beruht das zentrale Argument der deutschen Ökonomen gleich auf mehreren Fehlern. Sie schreiben: „Das gegenwärtige AAA-fähige Volumen des Rettungsschirms übersteigt den gesamten Refinanzierungsbedarf Irlands, Portugals und Spaniens bis 2013 um nahezu 80 Prozent. Es ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb der Schirm erweitert werden muss.“ Nach Recherchen der FTD, die auf Berechnung von Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts in München, beruhen, übersteigt das Volumen des Rettungsschirms den gesamten Finanzbedarf der drei Länder aber gerade einmal um zwölf Prozent.

Der Grund für diese Diskrepanz: Die Ökonomen berücksichtigen in ihrem Aufruf nicht den gesamten Finanzbedarf für die Jahre bis 2013, sie blicken nur auf die Kapitalmarktschulden von 310 Mrd. Euro, die die drei Länder bis 2013 zurückzahlen müssen. Komplett außer Acht lassen die Professoren, dass die Regierungen bis dahin weiterhin jährliche Defizite in ihren Budgets ausweisen. Kurioserweise beruhen die Aussagen der Professoren ebenfalls auf Berechnungen von Mitunterzeichner Sinn, die der Münchner Ökonom Anfang Februar auf dem Weblog der Unterzeichnergruppe präsentiert hatte, wie der Initiator Bernd Lucke, Professor an der Uni Hamburg, der FTD bestätigte.

Strittig ist zudem die Schätzung zum Volumen des Rettungsschirms. Noch Anfang Februar schrieb Sinn im Weblog, die drei Rettungstöpfe hätten eine „Haftungssumme von 552 Mrd. Euro”, die Zahl auf die sich der Professorenaufruf bezieht. Doch schon knapp zwei Wochen später revidierte Ifo-Chef Sinn selber seine Schätzung am 18. Februar in einer Kolumne auf der Ökonomenplattform Voxeu.org. Dort kommt der Volkswirt zum Schluss, dass der gesamte Rettungsschirm von EU, Euro-Staaten und IWF eine Ausleihkapazität von 484 Mrd. Euro habe.

Er schreibt: „Von den 484 Mrd. Euro aus dem Rettungsfonds würden wir 434 Mrd. Euro brauchen“. Interessanterweise berücksichtigt Sinn beim Finanzbedarf im Gegensatz zum Aufruf der Professoren, dass der Staat in Spanien, Irland und Portugal neue Schulden von jährlich drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2013 aufnimmt – eine Summe von 124 Mrd. Euro, die nach Angaben Sinns zusätzlich zur Refinanzierung der Kapitalmarktschulden der Länder von 310 Mrd. Euro hinzu kommt.

Somit ergibt sich nach Berechnungen Sinns, dass der Rettungsschirm mit seinem Volumen von 484 Mrd. Euro den Finanzbedarf der drei Länder von 434 Mrd. Euro gerade einmal um zwölf Prozent übersteigt. Bemerkenswert dabei ist, dass sich Sinns Ergebnisse mit denen decken, die Analysten in den Investmentabteilungen vieler Großbanken bereits im November vergangenen Jahres ihren Kunden, also den Investoren, präsentiert hatten. Hintergrund: Der Rettungsfonds der Euro-Staaten EFSF trifft keine Aussagen zum tatsächlichen Gesamtvolumen, das er an Notkrediten den Ländern zu Verfügung stellen darf.

Das kommt daher, weil der Fonds ein Teil seiner am Kapitalmarkt aufgenommen Gelder nicht an die notleiden Staaten weitergeben darf sondern als Barreserve und -puffer einbehalten muss. Dies war eine Bedingung dafür, dass der EFSF die Topbonitätsbewertung „AAA“ von den drei großen Ratingagenturen bekommen hat. Eine weitere Bedingung war, dass die Länder jeweils 20 Prozent der Notkredite zusätzlich garantieren müssen. Schon allein daraus ergab sich, dass sich die Summe an Nothilfen von den ursprünglich zugesagten 440 Mrd. Euro auf 366 Mrd. Euro reduzierte.

Inklusive zurückgehaltner Barreserven, dürfe der EFSF aber nur 255 Mrd. Euro vergeben – für den Fall dass Spanien, Irland und Portugal Hilfen bräuchten und als Garantiegeber ausfallen, wie Camille de Courcel und Ioannis Sokos, Ökonomen bei BNP Paribas, damals errechnet hatten. Zu dieser Zahl kamen fast alle Analysten in den Banken. Courcel und Sokos bezifferten die Kapazitäten des gesamten Rettungsschirms, also EFSF, EU und IWF, auf 473 Mrd. Euro, knapp unter der Summe die Sinn jüngst im Februar errechnet hat. Auch beim Finanzbedarf der Länder kamen die beiden Bankanalysten mit 428 Mrd. Euro auf eine ähnliche Zahl wie Sinn.

Schätzungen wie die von Courcel und Sokos hatten im November allerdings dazu geführt, dass die Investoren zweifelten, ob der Rettungsschirm tatsächlich für Länder wie Spanien reicht. Den Finanzministern der Euro-Gruppe waren die Marktunruhen wohl noch in bester Erinnerung, als sie sich Mitte Februar einigten, das effektive Volumen der Hilfsdarlehen des ab 2013 startenden permanenten Krisenmechanismus auf 500 Mrd. Euro auszuweiten.

Ursprünglich erschienen: http://ftdwirtschaftswunder.wordpress.com/2011/02/27/deutschlands-top-professoren-blamieren-sich/

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