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Das Handelsblatt leistet sich jetzt auch eine Satireseite – Update

Leider müssen wir uns heute wieder einmal dem traurigen Zustand des deutschsprachigen Wirtschaftsjournalismus widmen. Aber dieser Bock, den sich das Handelsblatt heute geleistet hat, kann man nur noch eins nennen: krass…

Bildschirmfoto 2014-02-04 um 08.06.22

Unter dem Titel: „Anlegen wie die Weltmeister. Der deutsche Export boomt. Mit Zertifikaten können Anleger am lukrativen Auslandsgeschäft mitverdienen“ erscheint heute auf Seite 34 ein Artikel und der beginnt so:

„Deutschland ist wieder Exportweltmeister. Laut Ifo-Institut wurde hierzulande im vergangenen Jahr ein Überschuss in der Leistungsbilanz von 7,3 Prozent der Wirtschaftsleistung oder umgerechnet 260 Milliarden Dollar erzielt. Auf dem zweiten Platz landete China mit einem Überschuss von 195 Milliarden Dollar. Für dieses Jahr erwartet das Ifo-Institut sogar einen noch höheren deutschen Überschuss.“

An diesem Satz ist so viel falsch, dass selbst Verteidiger der riesigen Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands vor dieser geballten Dummheit nur noch erblassen können. Den Handelsblatt-Kollegen, die sich normalerweise mit diesem ominösen Leistungsbilanzüberschuss beschäftigen (durchaus auch kritisch), werden heute peinlich berührt in die Kasernenstraße gekommen sein, sie werden ihre Zeitung aufgeschlagen haben und ihnen wird die Kaffeetasse aus der Hand gefallen sein. Wenn die Kollegen ihre Tassen nicht sogar gemeinschaftlich auf den Hof geworfen haben, um die Chefetage ihrer Zeitung aufzuwecken.

Innerlich werden die Kollegen all die Personalkürzungen verfluchen, die dieses Haus in den vergangenen Jahren durchmachen musste und sie werden sich fragen, wie konnte das nur passieren? Warum darf vermutlich ein freier Autor, der sich vermutlich prima mit Zertifikaten auskennt, sich an ein Thema wagen, von dem er erkennbar keine Ahnung hat? Warum werden hier Leistungsbilanzüberschüsse unkritisch und auch noch falsch bejubelt, die gegen Europäische Verträge verstoßen, wegen denen in Brüssel ein Verfahren gegen Deutschland geprüft wird? Funktioniert beim Handelsblatt noch irgendeine Art von Qualitätskontrolle?

Wer aber diesen Einstieg sogar noch mit (lautem Grummeln im Bauch) wohlwollend überliest und gespannt ist, wie er nun vom angeblichen deutschen Exportboom vielleicht doch noch mit irgendwelchen Zertifikaten profitieren kann, der muss vollends verzweifeln. Denn ein paar Absätze weiter kann er noch mehr absurde Dinge lesen. Denn da darf das nicht gerade für seine Konjunkturexpertise bekannte Börsenfotomodell Robert Halver sich nämlich zur US-Konjunktur äußern.

An einem Tag, an dem der US-Einkaufsmanagerindex von 56,5 auf 51,3 Zähler regelrecht einbricht und auch deswegen die Börsenkurse weltweit abschmieren! Es geht hier um ein Konjunkturbarometer, das von vielen Anlegern und Ökonomen als wichtigster Frühindikator für die US-Wirtschaft wahrgenommen wird. An einem solchen Tag darf Halver folgende Sätze sagen:

„Anhand der Frühindikatoren wird ersichtlich, dass die Konjunktur in den USA anzieht. Zudem sieht es nach einem wirtschaftlichen Tauwetter in Südeuropa aus. All das dürfte die deutsche Exportindustrie weiter beflügeln.“

Auch wenn Halver diesen Satz vor Veröffentlichung des gestrigen US-Einkaufsmanagerindex gesagt haben sollte („Hallo Seitenabnahme, Sie dürften bitte jetzt aufwachen!“), es ist und bleibt ein Jammer – für das Handelsblatt, für den deutschen Wirtschaftsjournalismus.

Update: Es wird noch aberwitziger. Hier eine kurze und kritische Einführung in das Thema Leistungsbilanzüberschüsse von Wolfgang Münchau. Offensichtlich hat der Handelsblatt-Autor gerade hier abgeschrieben. Denn das Wort „Exportweltmeister“ hat Münchau offensichtlich eher sarkastisch-überspitzt gemeint – Deutschland hat diesen Titel nämlich schon lange verloren. In der nüchternen Reuters-Originalmeldung über die Ifo-Schätzung, die auch bearbeitet auf SpOn lief, kommt der Begiff überhaupt nicht vor. Die Dummheit kennt wirklich keine Grenzen. Der Autor hätte einfach nur den Münchau zu Ende lesen sollen – ihm wäre viel erspart geblieben.

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  • Jochen

    Diese Zertifikate (welche auch immer) werden der wohlgeneigten Kundschaft dann sicherlich im Paket angeboten, gemeinsam mit ähnlich lukrativen Papieren, die „jetzt gerade günstig“ im Angebot sind: spanische und britische Immobilien zum Beispiel – und natürlich die guten alten Prokon-Papiere.

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