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(Wenig) Glanz und Elend der Konsumenten

Die Deutschen sind ein depressives Volk. Ja, die Stimmung ist hier gar nicht gut. Schon seit 20 Jahren weiß das gemeine Volk nicht mehr, was Optimismus heißt – so „rein“ ökonomisch gesehen. Woher ich das weiß? Es mag für viele etwas komisch klingen, aber dies können wir den Stimmungsumfragen der GfK entnehmen.

Die Konsumforscher fragen jeden Monat rund 2000 Verbraucher oder Konsumenten – wie Ökonomen das gemeine Volk vornehm nennen. Dabei geht es darum, wie die Haushalte die Konjunktur einschätzen oder ob sie größere Anschaffungen planen; es geht um Ängste, den Job zu verlieren oder welche Inflation sie künftig erwarten und noch viel mehr.

Wahrscheinlich wundern sich jetzt einige, warum sie von der schlechten Stimmung selten etwas hören oder lesen. Regelmäßig erklären uns einige Medien, wie eine Stimmungsaufhellung der anderen folgt – gerade in diesen Zeiten. Optimismus allenthalben – und das obwohl seit Jahren die Löhne inflationsbereinigt stagnieren und sinken? Irgendetwas könnte hier nicht stimmen. Und richtig, für die professionellen Konjunkturbeobachter ist es schon lange klar, das da irgendwas faul ist an den Veröffentlichungen der GfK.

Nicht nur Analysten in den Banken und Konjunkturforscher in den Instituten werfen die Meldungen regelmäßig in den Papierkorb. Immer wenn es heißt, die GfK-Leute veröffentlichen wieder ihr Barometer für die Stimmung der deutschen Verbraucher – auch Konsumklima genannt. Bitterböse Kommentare stehen regelmäßig auch auf den NachDenkSeiten. Erst kürzlich wieder von Jens Berger – auch bekannt vom Spiegelfechter-Blog.

Das „geheime“ Konsumklima aus Brüssel

So weit, so schlecht. Was aber vermutlich nicht viele wissen: Es gibt ein zweites Barometer zur Stimmung des gemeinen Volkes. Und das beruht lustigerweise auf genau den selben GfK-Umfragen wie das erste Barometer. (Die Arbeit des Instituts ist also durchaus sehr nützlich, nur die Auswertung der Befragungen lässt einen großen Interpretationsspielraum.)

Der wesentliche Unterschied ist der, dass das zweite Barometer nicht in Nürnberg bei der GfK sondern in Brüssel bei der EU-Kommission errechnet wird – und leider medial kaum wahrgenommen wird. Lassen wir für einen Moment alle technischen Details beiseite und schauen uns die folgenden Grafiken an. Ich denke jeder kann auf den ersten Blick sofort erkennen, welches Barometer in jüngster Zeit die besseren Ergebnisse geliefert hat:

130609_GfK_Konsumklima_GfKUnd hier die Version der EU-Kommission:

130609_GfK_Konsumklima_EUKUnd nun für alle Zahlen- und Statistik-Liebhaber unter uns ein paar technische Details. Wen das alles nicht interessiert, der kann gleich ans Ende zum Fazit springen – gleich nach der nächsten Grafik:

  • Wie die GfK-Leute ihren Index berechnen, das haben vor einiger Zeit die Kollegen vom Manager Magazin recht gut beschrieben: Wichtig dabei ist, dass 10 Punkte im Index jeweils 1 Prozentpunkt Konsumwachstum entsprechen sollen. Deshalb habe ich in der ersten Grafik die Werte des GfK-Konsumklimas einfach durch 10 dividiert.
  • Der reale (also inflationsbereinigte) Konsum schwankt allerdings sehr stark, weshalb ich diese Zeitreihe zunächst geglättet habe: Indem ich erst den gleitenden Zwölfmonatsdurchschnitt (Vierquartalsdurchschnitt) gebildet und dann die Veränderung zum Vorjahr errechnet habe. In der zweiten Grafik ist das Konsumklima laut EU-Kommission ebenfalls geglättet: 12-Monatsdurchschnitt, dividiert durch 10 und plus 1,25 Punkte (es geht hier nur um ein simple grafische Analyse, die die beide Kurven irgendwie in Einklang bringen soll).
  • Auffallend ist, dass das Barometer aus Nürnberg am Anfang recht gut mit der Entwicklung des Konsums zusammenfiel. In jüngster Zeit sind die Schwankungen allerdings deutlich geringer geworden und damit auch die Vorhersagekraft. Das könnte daran liegen, dass die GfK-Leute ihren Index immer so berechnen, dass für jede Einzelfrage (auf die wir gleich noch kommen werden) ein Saldo positiver und negativer Antworten gebildet wird, der so normiert wird, dass der langjährige Durchschnitt immer 0 ist.
  • Schlussendlich werden die Teilsalden so zusammengefasst, dass sie die Entwicklung des privaten Verbrauchs nachbilden sollen – mal mehr, mal weniger genau. Immerhin signalisiert das Barometer der GfK aktuell nur noch ein leichtes Konsumwachstum von rund 0,6 Prozent – das allerdings auch schon seit Februar vergangenen Jahres. Wahrlich kein Grund, hier von einem Konsumboom in Deutschland zu sprechen oder ihn sogar zu erwarten.
  • Aktuell stellt die GfK den Umfrageteilnehmern jeden Monat 12 Fragen. Einmal im Quartal kommen drei weitere hinzu. Das Konsumklimabarometer aus Nürnberg beruht dabei auf den Antworten zu mindestens zwei der monatlichen Fragen: „Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die finanzielle Lage Ihres Haushalts in den kommenden zwölf Monaten entwickeln?“ und „Glauben Sie, dass es zurzeit ratsam ist, größere Anschaffungen zu tätigen?“ Wahrscheinlich wird dabei die Sparneigung nicht noch einmal gesondert berücksichtigt – das ist aus den GfK-Pressemitteilungen leider nicht so richtig klar ersichtlich.
  • Bei der EU-Kommission gehen vier Fragen in das Barometer ein (immer mit Blick auf in die jeweils nächsten 12 Monate): Das sind die Einschätzungen der Umfrageteilnehmer zur finanziellen Lage ihres Haushaltes, zur allgemeinen Wirtschaftslage in Deutschland, wie sich Zahl der Arbeitslosen in Deutschland entwickeln wird und wie wahrscheinlich es ist, dass der Umfrageteilnehmer Geld sparen wird.
  • Noch ein wichtiger Unterschied, neben der Art und Anzahl der Fragen, zwischen Nürnberger und Brüssler Konsumklima ist Folgendes: Die EU-Kommission berechnet genau wie die GfK aus den Antworten nach einem Punktesystem die Teilsalden. Diese werden am Ende einfach zusammenfasst (als simples arithmetisches Mittel) – ohne auf einen langjährigen Durchschnitt zu normieren und auch ohne weitere Anpassung, die irgendwas prognostizieren sollen.
  • So ist die Interpretation des EU-Barometers deutlich auch einfacher: Ist der Wert positiv ist die Mehrheit der Umfrageteilnehmer optimistisch, ist er negativ sind die Teilnehmern pessimistisch. Für die grafische Analyse habe ich das EU-Barometer ebenfalls durch 10 geteilt und 1,25 Punkte addiert: In der Grafik beginnt der „optimistische Bereich“ also erst bei 1,25 Punkten. Wir sehen sehr deutlich, dass es in den vergangenen 20 Jahren selten Momente gab, in denen die Deutschen tatsächlich einmal länger optimistisch waren.
  • Auffallend ist auch das starke Auseinanderdriften von Konsumklima (nach Brüssler Lesart) und den realen Konsumausgaben in den 90er Jahren. Das könnte damit zusammenhängen, dass sich die Privathaushalte damals ernorm stark verschulden haben. Die Verbraucher haben trotz extrem mieser Stimmung also weiterhin versucht, ihr altes Konsumniveau aufrecht zu erhalten.
  • So lag der langjährige Wachstumsdurchschnitt (über jeweils 5 Jahre) des Privatkonsums in der zweiten Hälfte der 90er Jahre bei rund die 1,4 Prozent. Wenngleich das alles schon damals keine berauschenden Wachstumszahlen waren: Der richtige Einbruch kam erst in den folgenden Jahren mit dem Tiefpunkt von nur noch 0,2 Prozent im Jahr 2006. Mittlerweile liegen wir zwar wieder bei 0,8 Prozent – wie gesagt im Durchschnitt der jeweils vergangenen fünf Jahre. Das ist aktuell aber immer noch nur rund die Hälfte dessen, was wir Mitte der 90er Jahre gesehen haben.

130609_Wachstum5JDurchschnittFazit: Auch wenn sich das Konsumklimabarometer aus Nürnberg aktuell der Entwicklung des Privatkonsums wieder etwas annähert, bleibt es für die kurzfristige Konjunkturanalyse praktisch unbrauchbar. Wobei man natürlich immer vorsichtig sein sollte aus Umfragewerten konkrete Vorhersagen für harte Konjunkturdaten abzuleiten.

Doch egal welches Barometer wir auch heranziehen, das aus Brüssel oder das aus Nürnberg – nach Anzeichen eines Konsumbooms oder sogar eines „Goldenen Jahrzehnts“, wie einige schon geunkt hatten, können wir in Deutschland lange suchen.

Wo soll der Boom auch herkommen, wenn hier alle sparen und keiner bereit ist, die Löhne zu erhöhen oder in die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts (sprich die Produktivität) zu investieren. Deutschland ist einfach nicht bereit, einen Beitrag zur Lösung der Krise im Euroland zu leisten: weder die Unternehmen, noch die Gewerkschaften, geschweige denn der Staat.

Dieses Land ist noch nicht einmal bereit, künftigen Generationen eine solide Grundlage im globalen Wettbewerb zu sichern. Aber Hauptsache unsere Regierung hat eine Schuldenbremse, die uns daran hindert, geschenktes Geld anzunehmen, Geld für das der Staat keine Zinsen (inflationsbereinigt) zahlen muss. Wer erklärt diese Idiotie eigentlich einmal unseren Enkelkindern?

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