Die Wohlgesinnten und Bomben auf Serbien
March 6th, 2008Aha, das ist also das härteste Buch, das mir die Grauen des Krieges und Genozids an den Juden näher bringen soll. Nach gut 200 Seiten Lektüre kommt ein leiser Verdacht auf, dass die deutschen Betroffenheitsfanatiker hier einen prima Anlass gefunden haben, um mal wieder erschüttert zu zerfließen.
„Ich habe das Buch während des Lesens dreimal an die Wand geworfen“, sagte Daniel Cohn-Bendit vergangene Woche in einem Gespräch mit dem Autor. Das klingt verdammt nach den roten-grünen Kriegsschnitzeln, die den ehemaligen Pazifisten angeblich Magengeschwüre bereiteten, als sie die Bomben auf Serbien 1999 bejubelten.
Wie schrieb Cohn-Bendit vor vierzehn Jahren in der Taz: „Als erstes wird dann von der Nato Pale bombardiert. […] Die Bombardierung von Pale würde sicherlich schreckliche Folgen haben. Aber ich glaube nicht, daß die Verblendung in der serbischen Bevölkerung und in der serbischen Armee einer solchen Entschlossenheit standhalten würde“. Das sind Sätze, wie sie so auch bei Jonathan Littell stehen könnten, wenn sein Held, Dr. Max Aue, den Jugoslawienkrieg geplant hätte.
Nach 200 Seiten seht fest: Es ist kein neues „Krieg und Frieden“, schon gar kein neuer Pynchon. Von pornografischen Gymnasiastenfantasien (Frau Radisch in der Zeit) kaum eine Spur. Noch viel weniger stimmt, dass es „ein Horrorbuch, grauenhaft, kitschig, brutal, pervers und obszön“ sei (Volker Weidermann in der FAS: „ich hasste dieses Buch vom ersten Satz an“). Und auch Frau Schnutinger hat unrecht, wenn sie meint, das sei doch „pathetischer Männerkitsch und hat was von Landser für den Intellektuellen“.
Sorry, liebe Feuilletonisten kommt doch mal wieder runter. Habt Ihr noch nie ein nüchternes Geschichtsbuch (gar kein so schlechtes) in der Hand gehalten, das durch ein paar – allerdings nur wenig bildhafte - Szenen aufgelockert wird. Ob „Die Wohlgesinnten“ die Skandal-PR verdient haben? Ich glaube nein, aber ich habe ja auch noch 1200 Seiten vor mir.