Anonyme Alkoholiker fahren U-Bahn
January 20th, 2008Früher soll es ja noch mehr davon gegeben haben in den guten alten Zeiten. Da waren die Redaktionsstuben noch gefüllt von Rauchschwaden. Da wurde geraucht und gesoffen…, wie man so hören und lesen kann. Heute klebt ja kaum noch einer Zeitungsausgabe in diesem Land der Hauch legaler Aufputschmittel an.
Sicher gibt es noch die eine oder andere Redaktion, wo die Kollegen sich wenigstens nach 18 Uhr eine anstecken dürfen, wenn die Ausgabe endlich fertig produziert wurde - der guten alten Zeiten wegen… Genau wie sich einige Redaktionen sogar noch stillschweigend ihre Alkoholiker leisten. Eigentlich eine feine Sache, wenn die Kollegen noch gut mit Standardaufgaben betraut sind.
Manche Kollegen werden die größte Zeit des Jahres sogar soweit geschont, dass sie nicht mehr in ihrer Redaktion erscheinen müssen. Die dürfen zu Hause bleiben – ganz ohne Rauchverbot und andere Einschränkungen. Und wenn dann mal der Text einen Tag ausbleibt, helfen ja noch die Schubladen auf dem Bürorechner.
Manchmal wird es sehr hart: Denn ein Mal im Jahr müssen selbst die sensibelsten Kollegen raus, richtig auf die Straße oder noch schlimmer unter der Straße: „Jetzt sind wir unter der Erde Berlins, die Wände sind mit Spray beschmiert, zwei Typen in Gangster-Rap-Klamotten tauchen auf. Meine Tante würde ohnmächtig werden.“
Für die erlittenen Zumutungen (in Berlin darf ja nicht mal in der U-Bahn geraucht werden) reagiert der Verlag sehr großherzig. Sogar die eigenen (potenziellen) Leser darf der Herr Kolumnist beschimpfen: „Um uns herum die müden starren Gesichter, einsam, verloren. Untergrundfahrer-Gesichter, Unter-der-Erde-Fahrer. Niemand guckt jemanden an. Niemand interessiert sich für einen.“
Keine Sorge, die Folgen für den Verlag dürften gering bleiben: Denn die Berliner U-Bahnfahrer lesen ohnehin die Westberliner Kalte-Kriegs-Postillen (zum Glück aus dem gleichen Haus) oder die Sozialistenblättchen vom Alexanderplatz. Wenn sie jeden morgen herabsteigen, wo „unter der Erde Berlins … ein anderes Leben“ herrscht.
Doch selbst bei einer Sache kann die große Springerfamilie dem Kolumnisten leider nicht weiter helfen: „Drei Betrunkene steigen zu, sie haben Bierflaschen in den Händen. Ich habe keinen Augenkontakt mit den Biertrinkern.“ Das ist dann wirklich richtig hart.