Da willste nur noch SCHREIEN
May 26th, 2006Wenn du in dieser Stadt länger leben willst, brauchst du einfach ein paar Schutzmechanismen: Die Bettler die du täglich siehst, die Obdachlosenzeitungsverkäufer berühren dich schon gar lange nicht mehr. Von Zeit zu Zeit gibst du ihnen ein bisschen Geld, ein noch gültiges BVG-Ticket, das du nicht mehr brauchst, oder manchmal ein Zigarette. Ansonsten machst dir du keinen Kopf drum. Sobald du die Tür deiner Wohnung hinter dir geschlossen hast, ist die Welt sowieso außen vor.
Wenn du nach anderthalb Jahren Pause wieder länger in der Stadt lebst, merkst du es vielleicht noch die ersten drei Wochen, wie die Leute hier aggressiver geworden sind. Die deprimierten und abgekämpften Gesichter. Wem es gut zu gehen scheint, wirkt merkwürdig introvertiert. Auch der Müll auf den Gehwegen (gab es den früher überhaupt?) der fällt dir erstmals bewusst auf, nur weil ein bayerischer Provinzblogger es sich zum Hobby gemacht hat, bei jedem seiner Berlinbesuche, die entsprechenden Bilder rein zu stellen. Und du fragst dich, ob du hier wirklich leben willst, in deiner alten Heimatstadt.
Aber das dauert höchstens drei Wochen. Dann hat dich die Stadt auch wieder gefressen, so wie sie jeden frisst, der hier nicht rechtzeitig abgehauen ist. Und dann kannst du dir gar nicht mehr vorstellen, wie du überhaupt jemals zweifeln konntest. So aufregend und beschaulich zugleich, so wie immer eigentlich, da hat sich nichts geändert. Und es ist Frühling, und der ist wirklich einzigartig hier. Du kennst die Orte, wo du mit deinen Freunden kuschelige Abende verbringen kannst, ohne Klischeebewohnern aus Berlin-Mitte zu begegnen.
Sicher bist du auch enttäuscht über Läden, die früher in keinem offiziellen Programm auftauchten und jetzt zu spießigen Schickerialäden verkommen sind. Andere dagegen behielten auch nach Umzug und Aufnahme in die Terminplaner der Stadt ihren Charme. Natürlich kennst du die Orte, wo sie die für dich heißeste Musik spielen. Du freust dich, wie die Stadt in anderthalb Jahren irgendwie internationaler geworden ist. Dann wunderst du dich vielleicht, dass du überhaupt jemals zweifeln konntest.
So wie vorgestern: Das beste Konzert der British Music Week besucht, The Rifles und Sunshine Underground haben einen wunderbaren Auftritt hingelegt. Anschließend triffst du alte Bekannte wieder, die du schon Jahre nicht mehr gesehen hast. Dann willst du auch gar nicht mehr aufhören mit Tanzen, als der DJ einen Kracher nach dem anderen spielt. Irgendwann steigst du dann doch betrunkenglücklich in die Straßenbahn. Und du lässt dir den ganzen Abend noch mal durch Kopf gehen, während die letzten Leute in die Bahn einsteigen. Kurz bevor sie losfährt wird es noch mal kurz etwas lauter hinter dir, ganz da hinten an der letzten Tür. Du Hurensohn, ruft jemand aus der Gruppe in der Bahn. Von denen, die draußen stehen, ist aus dem Gebrülle auch nur „du Hurensohn“ zu hören.
Jugendliche halt, Idioten eben. Man, lasst mich bloß in Ruhe, denkst du noch, als es irgendwann laut kracht. Ein lesendes Mädchen schaut verwirrt auf, als vor ihren Füßen in der Mitte der Bahn ein Pflasterstein liegen bleibt. Allgemeine Aufregung, bis der Straßenbahnfahrer unter Jubel der Gruppe da hinten, die es in die Bahn geschafft hat, die Türen schließt und losfährt. So 20 Minuten dauert die Fahrt von einer Endstation zur anderen. Und die ersten Minuten willst du nur noch SCHREIEN. So richtig laut. Scheiße, wo bist du nur gelandet? Was ist aus der Stadt, deiner Heimatstadt, geworden? Nur noch Bekloppte hier. Die meisten Fahrgäste gucken noch etwas verdattet, gehen aber schnell zu ganz anderen Themen über.
Auch als du aussteigst, denkst du kaum noch darüber nach. Fünf Minuten später, als du endlich die Tür deiner Wohnung hinter dir schließt, kreisen deine Gedanken schon längst um morgen, wen du wieder alles treffen wirst in dieser Stadt, die doch so beschaulich und aufregend zugleich ist, so wie immer eigentlich, die doch soviel internationaler geworden ist in den Monaten, wo du nicht da warst. Und dann will dir auch gar nicht mehr einfallen, wer da noch mal mit dem Gedanken gespielt hatte, hier weg zu gehen, ganz weit weg, so was von weg, am besten gleich ins Ausland.
May 27th, 2006 at 12:36 pm
http://de.wikipedia.org/wiki/Hurenkind#Hurenkind
May 27th, 2006 at 3:55 pm
aha herr erdmann, mir brauchste das nicht erklären! :)