Der Sohn des Henkers von Minsk

November 17th, 2005

Der ehemalige Henker und sein Sohn saßen gestern in einem Berliner Kino. Der Grund: 89 Millimeter. Soviel beträgt der Abstand zwischen der Spurweite europäischer und (weiß)russischer Schienen. Zügen, die aus Berlin kommend in Brest die Grenze passieren, werden daher die Räderwerke ausgetauscht.

Hinter der Grenze beginnt nicht nur auf der Schiene eine andere Welt. Gibt es „Freiheit in der letzten Diktatur Europas“? Sebastian Henzels beeindruckender Dokumentarfilm „89 Millimeter“ ist ab heute in den deutschen Kinos zusehen. Sechs junge Leute im Alter zwischen Anfang bis Mitte 20 erzählen von ihrem Leben in Weißrussland. Ohne Genehmigung drehte Henzel mit seinem Kameramann Eugen Schlegel über zehn Monate verteilt immer auf der Hut vor den Sicherheitsorganen, die im ganzen Film allgegenwärtig sind.


Alexander

Für Igor gibt es die Freiheit ganz klar, der interessiert sich eh nur für die Entenjagd. Ludmilla, die junge Journalistin, tut ein bisschen naiv, von der Oppositionsbewegung „Bison“, oder „Zubr“, hält sie angeblich nicht viel. Einer der Köpfe dieser Gruppe ist Alexander, der mit vielen kleinen Aktionen für die Freiheit kämpft, ständig von Polizei und Geheimdienst bedroht. Im Traum und Tanz findet Olga ihre Freiheit. Pavel meint, dass es gefährlich ist in diesem Land über Politik nachzudenken.


Slava

Am beeindruckensten ist der Sohn des ehemaligen Henkers, Slava. Eine Familie, die zur Elite des Staates gehörte, mit Villa, Autos und Geld. Der Vater, Gefängnisdirektor und für die Ausführung von Todesurteilen zuständig, wird für den Tod von Oppositionspolitikern verantwortlich gemacht. „Der Diktator Lukaschenko brauchte eine Sündenbock“, erzählt Slava nach der Filmvorführung im „Klub der polnischen Versager“.

Für die Familie bricht innerhalb von zwei Wochen eine Welt zusammen. Slavas Eltern finden politisches Asyl in Berlin. Nur Slava pendelt zwischen den Welten, zwischen Berlin und Minsk, wo seine Freundin und sein Kind wohnen. Im Zug trifft er zufällig auf den Dokumentarfilmer und wird einer der Protagonisten von „89 Millimeter“.

Auf zivilem Wege wie in der Ukraine werde in Weißrussland nie etwas passieren, sagt Slava, der selber bei der Miliz und im Gefängnis gearbeitet hat. „Da muss schon ein Militärputsch her.“ Früher hätte auch er gegen „Subr“, die Jugendbewegung vorgehen müssen. „Damals war ich halt dumm“, sagt Slava heute. Aus einem, der das Regime gestützt hat, wurde über Nacht ein scharfer Kritiker.


Ludmilla

Was bleibt von dem Film: Wenn in der Ukraine auch nur eine korrupte Bande eine andere korrupte Bande abgelöst hat, so wünscht man den Weißrussen doch wenigstens, dass so etwas in ihrem Land möglich wäre. Sehr empfehlenswert der Film, der sehr feinfühlig die verschiedenen jungen Leute porträtiert.

Windeater aus Amsterdam, mit der ich zusammen mit Herrn S. im Kino war, berichtet auf ihrem Blog von der Aktion solidarity16. Windeater wollte eigentlich ihre Uniabschlussarbeit über Weißrussland schreiben, was an den Behörden scheiterte. Nun schreibt sie über die russische Musikkultur in Berlin. Dank an Slava für das sehr interessante Gespräch nach dem Film und viel Glück!

http://www.89millimeter-derfilm.de
http://solidarity16.org/eng
http://www.zubr-belarus.com

http://www.livejournal.com/users/windeater

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