Plötzlich durften nur noch Wessis coole Musik spielen

October 4th, 2005

Das sollte eigentlich erst ein Kommentar auf Johnnys Mauer-Artikel-Teil-2 werden, dann wurde er aber so lang, dass ich ihn doch hier reingestellt habe:

Johnny, ich habe dich gehasst! Damals, erste Woche Fritz. So wie ich Euch alle gehasst habe von Radio4U. Rockradio B war mir damals so ans Herzen gewachsen, dass ich alles was von Eurer Seite kam, einfach nur abstoßend fand. Dieser kleine Potsdamer Sender hat doch so gerockt, und viele Kollegen die du erwähnst, auch den Herren aus Teil 3, waren damals echt meine Radiohelden. Viel besser als DT64. (Zugegeben: Radio4U habe ich nie wirklich gehört, und Fritz war in der ersten Zeit NUR Scheiße!)

Nie wieder habe ich danach solch eine Leidenschaft fürs Radio entwickelt wie zu der Rockradio-Zeit (gut ich war halt auch jünger). Rockradio B hatte mir wirklich Orientierung gegeben im neuen Westen, und dabei auch noch auf solch coole Weise. Zum Beispiel spielten die doch tatsächlich im Nachmittagsprogramm „Full metall Jackoff“ von Jello Biafra&DOA. Dazu hatte ich noch die „NM! Messitsch“ (zunächst noch „NMI Messitsch“, eine Vereinigung zweier Fanzines aus dem Osten) gelesen Das war einfach die perfekte Kombination zum Erwachsenwerden (oder was ich damals davon hielt). Falls sich noch jemand an den legendären „Rock-Indianer-Test“ erinnert; was haben wir gelacht. (Vielleicht sollte ich den mal posten, wenn ich den noch irgendwo finde. Gibt es da eigentlich noch irgendwelche Rechte drauf?)

Das einschneidende Johnny-Hass-Erlebnis

Wenn ich mich recht erinnere, kam nach deiner ersten Sendung auf „Radio Fritz“ der Lutz Schramm. Seine neue Sendung hieß dann auch nicht mehr „Parocktikum“ wie noch bei DT64 und Rockradio B, sondern irgendwie anders. Eins stand schon zu Beginn fest: Die Kultsendung war gestorben, durch die ich überhaupt zum ersten Mal „andere“ Musik zu Gehör bekommen und die meinen Musikgeschmack maßgeblich geprägt hatte. (Da hast du schon Recht mit “John Peel des Ostens”).

Du hattest Schramm sehr freundlich vorgestellt und zunächst war ich auch noch gespannt, was er denn jetzt wohl bringen würde. Doch was dann in der Sendung zu erleben war, hat mir fast die Tränen in die Augen getrieben. Er stellte doch tatsächlich die neue Phil Collins-Platte vor. Man, habe ich mir gedacht: Jetzt dürfen nur noch die Wessis die coole Musik spielen und Ossis müssen Scheiß-Pop-Kacke auflegen. (Was weiß ich, vielleicht hat Lutz Schramm ja nur Einen auf Protest gemacht, ich hab es damals nicht mitbekommen).

Diese Geschichte ist mir übrigens erst neulich wieder in Erinnerung gekommen, als ich ein paar freundliche Wort über Johnny zum Thema ZKM verloren hatte. Anfang der 90er war das jedenfalls ein sehr einschneidendes Erlebnis für mich gewesen. Radio habe ich danach erst mal für Monate nicht mehr gehört. Erst als ich nach dem Zivildienst in Stralsund wieder nach Berlin zurück kam, fing ich an, Johnny auf Radio Fritz zu schätzen. Und so hasse ich ihn auch nicht mehr, so kanns gehn.

Der Artikel von Johnny ist ein passender Anlass, das mal auf zuschreiben. Muss auch mal sein, so in der Vergangenheit kramen. Und, dass das alles mehr mit mir als mit Johnny tun hatte, wird jetzt wohl jeder gemerkt haben.

PS: Ein Rockradio B-„John Peel“ fehlt mir aber noch: Trevor Wilson. Gut, ist keine Ossi. Aber Zeit wird es, dass der mal wieder auf den Äther kommt! Oder gibt es den schon wieder in Berlin nach seinem Rauswurf bei Fritz? Bin ja eher selten hier, in der alten Heimat.

[UPDATE: Lutz Schramm hat seit gestern einen Podcast ]

4 Responses to “Plötzlich durften nur noch Wessis coole Musik spielen”

  1. 1 johnny
    October 4th, 2005 at 7:21 pm

    Schon spannend, alles aus verschiedenen Sichten zu hören. Natürlich gab es nie irgendeine Vorgabe, wer welche Musik spielen darf. Ich kann mich nicht an das Phil Collins Stück von Lutz erinnern, keine Ahnung, warum er das gemacht hat. Wohl eher ein süffisanter Kommentar.

    Aber: Den Vormoderator für das zu hassen, was der nächste Moderator spielt, ist nur mit sehr starker Emotion zu erklären. Und die haben wir alle erfahren in diesen Zeiten.

  2. 2 q1fanty
    October 4th, 2005 at 7:30 pm

    Ja klar. Da hast du völlig recht. Das war halt mein persönliches Ding.

  3. 3 Radiowaves
    October 5th, 2005 at 10:19 am

    Ich kann die Emotionen verstehen. Damals waren “wir” im Süden (Thüringen) zwar schon abgeklemmt, DT64 war ausgeblutet und unter der Knute des MDR verschwanden nach und nach 1992-93 die guten Leute aus dem Programm. Also blickte man neidisch nach Berlin, zum Rockradio B, zu Schramm, Galenza, Wassermann und vielen anderen. Zum Nachfolger “seines” Radios, den man nun nicht mehr hören konnte (Satellit gabs erst viele Jahre später). Dann um den Jahreswechsel 92 herum diese schräge Verabschiedung, in der sich alle Redakteure und Moderatoren mit “Fritz” als Vornamen meldeten. Der berliner Radiofreund, der nur noch höhnisch von “PomFritz for you” sprach. Im Februar 93 das letzte Parocktikum mit Lutz Schramm. Diese Verabschiedung, in der die ganze Verbitterung rausbrach. Daß man neue digitale Technik bekäme, mit der man dann “cleane Sounds” aus den Metropolen hören könne. Und daß das “Geschepper” aus den Garagen jetzt vorbei wäre, da die marktwirtschaftliche Macht derjenigen, die die “entarteten Kapellen” hören wollen, offenbar doch nicht an die der Tekkno-Kids und Metal-Freaks heranreicht. “Und dafür ist kein Platz. Zumindest kein Sendeplatz. Zumindest kein zweistündiger. Da könnte ja jeder kommen, es gibt ja schließlich auch keine Sendung für Nazis oder Vietnamesen” (aus dem Gedächtnis zitiert, Sendung liegt zu Hause aber vor).
    Ja, ich habe Radio 4U gehasst. Diesen arroganten Yuppiefunk, der für mich so sehr “Westfunk” war, daß ich ihn nicht ertragen konnte, da er nichts, aber wirklich gar nichts mit meiner Lebenswelt zu tun hatte. Der mir scheißegal gewesen wäre und der gerne weiterhin die Zehlendorfer Doppelgaragen hätte beschallen können, wenn man ihn nur “drüben” gelassen hätte, statt ihn uns überzustülpen und RockRadio B damit zu ruinieren. Diese Coolness, diese Arroganz, die mich heute noch Radio EINS sofort abschalten läßt, wenn Wieprecht oder Skuppin (und das Schlimme ist ja: die gibts ja nur im Doppelpack, so daß sie sich dann gegenseitig für ihre flachen Witzchen auf die Schulter klopfen) oder so manch anderer vom SFB am Mikrofon auftaucht. Ich mochte die leiseren Stimmen, die “einfachen”, die, die wirklich was zu erzählen hatten, das meine Seele erreichen konnte. Marion Brasch, Lutz Schramm, Jörg Wagner. Fritz war für mich dann auch immer “Westfunk”. Und “Westfunk” war seltsamerweise nicht mehr interessant für mich, seit die Mauer gefallen war. Die wollten mir erzählen, was ich cool zu finden habe. Dabei hatte ich damals ganz andere Probleme, in diesem Land zurechtzukommen, als mir irgendwelchen Lifestylekack draufzuziehen.
    Letztlich wurde zwischenzeitlich Radio Brandenburg eine Heimat - und heute zappe ich hin und her und muß feststellen, daß ich keinen Sender mehr habe, dem ich, würde er abends vom Regen tropfnass und hungrig an meiner Tür klingeln, Einlaß gewähren und ihm einen trockenen Platz zum Übernachten anbieten würde. Irgendwann um 1990 herum wurde Radio spannend und sprach mich an, und zwischen 1992 und 1997 verschwand das Radio als Identifikationsfigur wieder aus meinem Leben. Und dann höre ich doch wieder MC Lücke auf Fritz und bin froh, daß wenigstens noch sowas geht…

    Nein, ich will nicht vergessen, daß es anderswo, namentlich beim MDR, noch viel schlimmer gekommen ist und Berlin das Schlimmste sicher noch vor sich hat. Aber das war ja jetzt nicht wirklich Thema…

  4. 4 q1fanty
    October 5th, 2005 at 4:09 pm

    Ja, das war schon alles sehr emotional, was viele mit Radio damals verbanden. Nicht nur die Hörer, auch die Macher. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Für DT64 gab es ja sogar Demos und Mahnwachen (?), damit die nicht abgeschaltet werden. Auf einer Demo/Mahnwache war ich sogar, fand das dann aber etwas zu übertrieben.

    Ich konnte auch gut verstehen, wenn einige Radio-Leute einfach nur ihren Job machen wollten, ohne diesen ganzen emotionalen DT64-Balast, etwa der Herr Galenza. Bei Rockradio B hatte ich später das Gefühl, dass die Leute nicht einfach nur einen guten Job machen sondern mit richtig viel Leidenschaft dabei waren und auch noch viel Spaß hatten. (Kuttner oder Wilson, wurden übrigens erst da entdeckt.)

    Ob Radio4U mir damals als ein Yuppie-Radio vorkam, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich einige 4U-Moderatoren, die dann auf Fritz zu hören waren, mit ihrer „professionellen“ Einstellung einfach nur schrecklich fand. Mir fehlte diese Leidenschaft und sicher auch emotionalen Bindung wie bei den Rockradio-Leuten. So war es halt, dass ich einfach den Vormoderator pauschal in den Topf mit allen 4U-Leuten geworfen habe, ohne hinzuhören was der überhaupt zu sagen hatte.

    Dabei hatte Johnnys seinen nachfolgenden Moderator doch so voller ehrlicher Sympathie begrüßt. Mein Reaktion aber war: „Ach, was weiß DU WESSI denn!“. Naja. Vielleicht war ich ja nicht der einzige der sich damals so banale, unqualifizierte Urteile erlaubte. Aber zum Einheitstag ist es mal ganz gut, sich zu erinnern, wie man so drauf war.

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